Mitteilungsblatt Nordheim

Neues aus Nordheim und Nordhausen

Nordheimer Geschichte

Erfasst von: Redaktion, Aslan, Selin | 05.05.2026

Ereignisse von den 20er bis zu den 50er Jahren - die Zeit vor, während und nach dem III. Reich
4. Teil: Schule und Kirche im III. Reich

Jugend und Schule im III. Reich
Es war vor allem die Jugend, die dem Einfluss der Partei ständig und überall ausgesetzt war. Mit Sport und Spiel, Fahrten, Zeltlager und Geländespielen konnte man die Begeisterung der Jugend wecken. Das wurde vom NS-System geschickt für ideologische Zwecke ausgenutzt. Ständige Propaganda, Berieselung mit einschlägigen Parolen und ein Beförderungs- und Belohnungssystem führten dazu, dass viele Jugendliche mit Begeisterung bei der HJ oder beim BDM mitmachten. In Nordheim kam zu dieser Situation als Besonderheit noch hinzu, dass einige Lehrer aktive Parteigenossen waren und sie mit ihrer Einstellung auch den Unterricht prägten. So war Lehrer Hansis bis September 1933 Ortsgruppenleiter der NSDAP, sein Nachfolger wurde Hauptlehrer Willy Beringer, er hatte dieses Amt bis 1940 inne. Lehrer Friedrich Klingler war Leiter der Hitlerjugend und Untergruppenführer bzw. Führer der SA. Die Lehrerin Frida Raible war bereits seit 1.4.1931 Parteimitglied und kann somit der Gruppe der Alten Kämpfer zugeordnet werden.

Der Nordheimer Helmut Frank, Jahrgang 1926, berichtet in seinem Buch „Aus meinem Leben“ über seine Erlebnisse aus dem Schulalltag:
Am Anfang der Schulzeit gab es vor Unterrichtsbeginn noch ein Gebet oder einen Liedvers. Doch das änderte sich bald. Nun kam der Lehrer mit den Worten „Heil Hitler“ zur Türe herein, und die ganze Klasse schrie „Heil Hitler, Herr Müller.“ In der 4. Klasse bekamen wir den Lehrer Beringer. Er war Ortsgruppenleiter der NSDAP. Er ernannte mich zum Klassenführer. Nun musste ich vor Schulbeginn die Klasse antreten lassen, prüfen, ob die Hände sauber waren, jeder ein Taschentuch hatte, Meldung machen, ob alle da waren. Inzwischen war ich zehn Jahre alt.
Im Jahr 1937 kam Helmut Frank in die 7. Klasse zu Lehrer Klingler. Ab diesem Schuljahr spielten die von der NSDAP in den Jahren 1937 bis 1944 herausgegebenen Wochensprüche eine wichtige Rolle in der Schule. Die „Wochensprüche“ waren Zitate oder Aussprüche von Hitler oder anderen Größen des Nationalsozialismus oder von einer Persönlichkeit der deutschen Kulturgeschichte, die als Schmuckblatt in DIN-A 4 Größe erschienen waren. Die Wochensprüche mussten von den Schülern auswendig gelernt und in besonders schöner Gestaltung auf eine Heftseite in Blockschrift geschrieben werden, wobei der erste Buchstabe in besonderer Weise gestaltet werden sollte. Der Gesamteindruck und die Ausführung des Blattes wurden vom Lehrer benotet.

Wochenspruch vom Juni 1943; links das Original, rechts die Ausführung von Hilde Frank (verh. Tausch), der Schwester von Helmut Frank. Sie fertigte dieses Blatt im Alter von 13 Jahren. (Der Text ist ein Zitat von Adolf Hitler.)
Wochenspruch vom Juni 1943; links das Original, rechts die Ausführung von Hilde Frank (verh. Tausch), der Schwester von Helmut Frank. Sie fertigte dieses Blatt im Alter von 13 Jahren. (Der Text ist ein Zitat von Adolf Hitler.)

Im Juni 1936 konnte Rektor Mayer an das Bezirksschulamt melden, dass alle Schüler der Klassen 5-8 der Hitlerjugend oder dem BDM angehören. Schon in den Jahren zuvor deutete sich allerdings an, dass das Verhältnis zwischen Partei und Kirche zunehmend schwieriger wurde.

Partei und Kirche im III. Reich
Viele Zusammenkünfte und Veranstaltungen der nationalsozialistischen Kinder- und Jugendorganisationen fanden sonntags statt. Wie das in der Praxis aussah, beschreibt Helmut Frank in seiner Biografie so: An einem Sonntag im Sommer fand ein Schwimmfest statt. Die Hitlerjugend, Jungen und Mädchen, mussten teilnehmen. Ich war damals Hauptscharführer und war der zweitoberste HJ-Führer im Ort. Um 14.00 Uhr begann das Fest. Zur gleichen Zeit war aber auch ein Trauergottesdienst für einen gefallenen Soldaten, der doch für Führer, Volk und Vaterland sein Leben gelassen hatte. Bei diesem Gottesdienst spielte der Posaunenchor einen Choral und das Lied „Ich hatte einen Kameraden“. Ich war der einzige Zweitstimmenbläser, musste also zum Gottesdienst […]. Verspätet kam ich nach der Kirche zum Schwimmfest. Dort hat mich unser Gefolgschaftsführer, er war mein ehemaliger Lehrer in der 7. und 8. Klasse (Anm.: Klingler) vor allen beschimpft und gedemütigt, weil ich beim Gottesdienst war.“

Durch diese Entwicklung der häufig belegten Sonntage wurde im Frühjahr 1934 eine Neuordnung der bisher jeden Sonntag stattfindenden Christenlehre notwendig. Die Christenlehre fand jetzt nur noch an zwei Sonntagen im Monat statt, nicht mehr wie bisher an jedem Sonntag. Pfarrer Graf schrieb dazu im Gemeindeblatt: „Die Eingliederung der 14-18jährigen Mitglieder der christl. Vereine in die Hitlerjugend und den „Bund Deutscher Mädchen“ hat sich hier im großen und ganzen ruhig vollzogen. Es gilt nun für beide Teile, gegenseitig zueinander Vertrauen zu haben und nötigenfalls beiderseits den Willen zum Verstehen und Zusammenarbeiten an den Tag zu legen. Beide Zweige der Jugendarbeit haben ihre Berechtigung und ihre besonderen Aufgaben. […]

In strammer Haltung und in Uniform präsentiert sich die Hitlerjugend
In strammer Haltung und in Uniform präsentiert sich die Hitlerjugend
Hitlerjugend in der Bahnhofstraße auf dem Weg zum Hitlerplatz
Hitlerjugend in der Bahnhofstraße auf dem Weg zum Hitlerplatz

In seinem letzten Pfarrbericht vom 23. Mai 1937 beklagt sich Pfarrer Graf deutlicher als bisher darüber, dass „die festliche Sonntagsheiligung“ durch die Inanspruchnahme der Kirchenmitglieder in Partei und politischen Organisationen immer mehr beeinträchtigt würde. Als Nachfolger von Graf wurde im Sommer 1939 Pfarrer Otto Fezer eingesetzt. Dieser schreibt in seiner kurz nach Ende des II. Weltkrieges abgefassten „Kriegschronik“ über die Stellung der Kirche in dieser Zeit: Von einem öffentlichen Kampf seitens der Partei und ihrer Gliederungen gegen die Kirche und ihre Arbeit in jener Zeit kann nicht gesprochen werden; vielmehr trieb die Partei ihre antikirchliche Arbeit unter der Decke:

Jetzt nahm auch die Zahl der Kirchenaustritte immer mehr zu. Bereits am 14.8.1937 ist Bürgermeister Wagner aus dem Kirchengemeinderat ausgetreten. Seine Gründe waren politischer Art, er sei oberster Polizeibeamter der Gemeinde, deshalb könne er das Amt eines KGR’s nicht mehr ausüben. 1933 hatte er bei der Kirchengemeinderatswahl noch die meisten Stimmen erhalten. Auch in der Nachbargemeinde Hausen trat 1939 Bürgermeister Beck mit der gleichen Begründung aus dem Kirchengemeinderat aus. Der Druck der Partei auf Ihre Mitglieder und auf Amtsträger hatte immer mehr zugenommen. Selbst der Investitur (Einsetzung) des neuen Pfarrers Otto Fezer blieb der Bürgermeister 1939 fern. In Nordheim drängte Ortsgruppenleiter Beringer mit Hilfe von durch die Partei ausgegebenen Vordrucken auf den Kirchenaustritt. Die meisten Austritte gab es im Jahr 1939. Nach Ende des Krieges sind einige der damals Ausgetretenen wieder in die Evangelische Kirche eingetreten.

1939 wurde in der Nordheimer Schule von dem im Herbst 1939 zum Rektor ernannten bisherigen Oberlehrer Ernst Schmid der sogenannte Weltanschauungsunterricht (WAU) eingeführt. Dieser Unterricht sollte eine Alternative zum Religionsunterricht sein. Allerdings besuchten nach Angaben des Pfarrers nur etwa 10% der Schüler den WAU. Meist waren das Kinder von Eltern, die aus der Kirche ausgetreten waren. Rektor Schmid musste bereits im Mai 1940 zum Militär „einrücken“ und ist im September 1942 in der Nähe von Moskau gefallen. Er hinterließ seine Frau und die Kinder Ingeborg, Dieter und Ute.
Eine politische Schikane war auch, dass der Konfirmandenunterricht per Erlass nicht mehr in der Schule stattfinden durfte. Der Erlass lautete: „Für lehrplanmäßigen Religionsunterricht des Geistlichen können Schulräume für kirchliche Zwecke, einschließlich Konfirmandenunterricht, nicht mehr zur Verfügung gestellt werden.“ Notgedrungen wurden die Konfirmanden nun für einige Zeit „in einer Ecke der Kirche“ unterrichtet. Weiter berichtet Pfarrer Fezer: „In jenen Kriegsjahren veranstaltete die hiesige Parteileitung, besonders um die Zeit der Konfirmation, öffentliche Feiern (Entlassung der Jungen und Mädchen aus der Schule und Aufnahme in die Hitlerjugend), die weltanschaulichen Charakter trugen und besonders feierlich aufgezogen wurden. Diese Feiern fanden in der Regel am Sonntagvormittag zur Gottesdienstzeit statt, so daß die Kinder (besonders die Konfirmanden) vom Gottesdienst abgehalten wurden und das dazu noch um den Konfirmationssonntag herum. Die Partei samt ihren Gliederungen waren zum Besuch der Feier verpflichtet.“

Der Kindergarten
Ein weiterer Konflikt entstand durch den Versuch der Gemeinde, an Stelle des evangelischen Kindergartens einen NSV- Kindergarten einzurichten (NSV = Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). So wie die nationalsozialistische Partei die Schule beeinflusste, wollte sie auch die Kindergärten in ihren Einflussbereich ziehen. In erster Linie sollte die NS-Volkswohlfahrt (NSV) sich um die Einrichtung und den Betrieb von Kindergärten kümmern mit eigens dazu ausgebildeten Kindergärtnerinnen. Die Kinder sollten von klein auf ohne Rücksicht auf Konfessionszugehörigkeit in solchen Kindergärten zusammengefasst werden, wo sie im Geiste des Dritten Reiches betreut und erzogen werden. Im Dezember 1941 kündigte Bürgermeister Wagner den Vertrag mit dem Mutterhaus Großheppach über die Anstellung einer Großheppacher Kinderschwester. Von April 1942 an übernahm der NSV den Kindergarten. Mit der Kindergärtnerin Emmy Kühner waren die Eltern aber unzufrieden, und die Zahl der Kinder von vorher etwa 100 ging zurück auf nur noch zwischen 30 und 40 Kinder. Viele Eltern behielten ihre Kinder lieber zu Hause. Nach Kriegsende wurde der Kindergarten im Juli 1945 in alter Form wieder eröffnet. Leiterin war Sophie Urban, unterstützt von der Helferin Luise Kyriss.

Der 1867 erbaute Seybold’sche Kindergarten
Der 1867 erbaute Seybold’sche Kindergarten
Kindergartenkinder mit Schwester Marie Koch und ihrer Gehilfin, 1932
Kindergartenkinder mit Schwester Marie Koch und ihrer Gehilfin, 1932

Gedächtnisgottesdienst für Gefallene

Was Pfarrer Fezer mit „antikirchlicher Arbeit unter der Decke“ in seiner Chronik meint, wird auch an einem weiteren Beispiel deutlich. Der Ortsgruppenleiter und Bäckermeister Wilhelm Karle, der auch der einzige Kohlenhändler am Ort war, hielt die Kirche äußerst knapp an Kohlen. Auf persönliche Vorsprache des Ortspfarrers erwiderte er nur: „Zuerst kommt die Partei!“ Eine Zeitlang mussten deshalb die Angehörige der Gefallenen für den Gedächtnisgottesdienst, der immer gut besucht war, das Brennmaterial zur Beheizung der Kirche liefern. Erst nach einer Beschwerde des Pfarrers beim Landratsamt bekam die Kirche für jeden Gefallenen-Gedächtnisgottesdienst eine Sonderzuteilung Kohlen bewilligt.

Für jeden Gefallenen wurde ein Gedächtnisgottesdienst abgehalten
Für jeden Gefallenen wurde ein Gedächtnisgottesdienst abgehalten

Interessant ist noch ein Hinweis von Pfarrer Fezer auf das Entnazifizierungsverfahren des Ortsgruppenleiters Wilhelm Karle (über Entnazifizierung, Spruchkammer, Sühneverfahren usw. wird noch ausführlich berichtet werden). Karle kam nach Ende des Krieges in ein Internierungslager, da er als „Belasteter“ eingestuft wurde. Von dort aus ließ er durch seine Gattin den Ortspfarrer bitten, ihm ein positives Zeugnis auszustellen das zu seiner Entlastung dienen sollte. Antwort Fezer: Dieser Bitte konnte jedoch nach dem ausgesprochen kirchenfeindlichen Verhalten dieses Mannes in den vergangenen Jahren unmöglich stattgegeben werden; auch verbot dies ein diesbezüglicher Erlass des Evang. Oberkirchenrates.

Ulrich Berger

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