Mitteilungsblatt Nordheim

Neues aus Nordheim und Nordhausen

Nordheimer Geschichte

Erfasst von: Redaktion, Aslan, Selin | 27.03.2026

Ereignisse von den 20er bis zu den 50er Jahren - die Zeit vor, während und nach dem III. Reich
3. Teil: Die Politik verändert den Alltag

Hitlerplatz und Hindenburgeiche
In Nordheim wurden die Zeichen und Symbole der neuen Herrschaft ab 1933 öffentlich deutlich sichtbar gemacht. Im Gemeinderatsprotokoll vom 3. Mai 1939 kann man lesen: Der Vorsitzende teilt noch mit, dass Deutschland durch die neu begonnene Geschichte vor großer Not und Terror bewahrt wurde, denn nach den Vorgängen des Reichstagsbrandes etc. hätten die Kommunisten schwer gehaust. Deshalb wird mit Recht überall in Deutschland der Reichskanzler Adolf Hitler geehrt. […] Es wird daher vorgeschlagen, den Führer Deutschlands durch Pflanzung einer Linde auf dem Gemeindeplatz an der Bahnhofstraße bei der Einmündung der Uhland- und Bergstraße, zu ehren. Dieser Platz wird als kleine Anlage angelegt.

In der Sitzung vom 30.5.1933 wurde außerdem beschlossen, auf der Parzelle 4140/1 an der Bahnhofstraße zusätzlich zu der Hitlerlinde auch noch eine Hindenburgeiche zu pflanzen. Diesen Platz nannte man anschließend „Hitlerplatz“.

Am Beginn der Bergstraße befand sich 1933 der Hitlerplatz
Am Beginn der Bergstraße befand sich 1933 der Hitlerplatz
Die Rechnung von Gärtnermeister Karl Klotz für die Gestaltung des Hitler- und Hindenburgplatzes
Die Rechnung von Gärtnermeister Karl Klotz für die Gestaltung des Hitler- und Hindenburgplatzes

Ebenfalls am 30.5.1933 beschloss der Gemeinderat, für den Rathaussaal je ein Bild 40x50cm von Hitler und Hindenburg anzuschaffen …“zur Ehrung der sich durch die Wiedergeburt des Deutschen Reichs verdient gemachten Männer“…

Neue Straßennamen

In derselben Sitzung wurde auf Antrag von GR Beck, Pächter des Hofguts und Fraktionsführer der NSDAP, die Südstraße in „Schlageterstraße“ umbenannt. (Schlageter galt in der Weimarer Republik und im III. Reich als Märtyrer und Freiheitskämpfer. Er wurde 1923 von einem französischen Militärgericht wegen Sabotage und Spionage zum Tode verurteilt und hingerichtet.)
Die Einrichtung eines Hitlerplatzes sowie Straßenbenennungen als Form der Heldenverehrung wurde mancherorts, aber nicht überall praktiziert. In Nordheim pflegte man diese Form der Verehrung an mehreren Stellen. So erhielt die heutige Panoramastraße im August 1936 die Bezeichnung „Horst-Wessel-Straße“ zu Ehren dieses nationalsozialistischen Kämpfers. Und schließlich nannte man den Ortsweg 34, der die Verbindung zwischen der Horst-Wessel-Straße und der Straße „Auf dem Weihen“ bildet, „Narvikstraße“. Der Grund dafür war, dass zu der Zeit, als dort das erste Haus gebaut wurde, die deutschen Truppen im hohen Norden Europas, bei Narvik, „Heldentaten“ vollbracht hatten.

Nach dem Einmarsch der Alliierten 1945 mussten allerdings auf deren Befehl alle Namen, Symbole, Büsten, Bilder etc. die an Adolf Hitler, seine Gefolgsleute oder an seine Herrschaft erinnerten, beseitigt werden. Dieser Befehl galt nicht nur für den öffentlichen Raum, auch Privatleute mussten sofort alle derartigen Dinge wie Fahnen, Bilder, Nazi-Abzeichen usw. auf dem Rathaus abgeben.

Der von den Amerikanern im April 1945 eingesetzte Bürgermeister Setzer hatte im August 1945 für die Umsetzung dieser Anordnung zu sorgen, ebenso musste er an den Landrat melden, dass die entsprechenden Straßen umbenannt sind und die Hitler-Linde entfernt wurde. Die ehemalige Südstraße erhielt ihren früheren Namen wieder, aus der Horst-Wessel-Straße wurde die Panoramastraße, und die Narvikstraße wurde Kurze Straße genannt (später umbenannt in Seyboldstraße). Auch die Hitler-Linde, die nur etwa 12 Jahre an der beschriebenen Stelle am Hitler-Platz an der Bahnhofstraße stand, musste gefällt werden.

Schikanierung und Diskriminierung
Eigentlich sollte hier noch nicht über das Ende des III. Reiches berichtet werden, sondern über dessen Aufstieg und Verlauf. In Nordheim gab es nämlich 1933 nicht nur Freudenfeuer, Umzüge und Fanfarenklänge, im täglichen Leben wurden auch Mitmenschen schikaniert, diskriminiert und sogar verhaftet. Am 16. April 1933 wurden Nordheimer KPD-Mitglieder von SA-Männern aus ihren Wohnungen gezerrt und aufs Rathaus geschleppt. Im GR-Protokoll vom 28. April wird dieser Personenkreis so beschrieben: Die KPD, der alle schlimmen und gewissenlose Elemente angehören und die durch Wilhelm Schaubel, Adolf Vetter, Hermann Nagel, Robert Reuter, Johann Wolf und Eugen Rothweiler geführt werden, haben immer die Ordnung stören wollen…Anfangs März war ein Aufstand vorgesehen. Doch Adolf Hitler hat abgeholfen. Schaubel, Vetter und Wolf wurden in Schutzhaft genommen.

Im damaligen Sprachgebrauch bedeutete „Schutzhaft“, dass jemand zu seinem eigenen Schutz inhaftiert wird. Tatsächlich war Schutzhaft aber ein Instrument des NS-Regimes zur willkürlichen Inhaftierung politischer Gegner und anderer als unerwünscht eingestufter Personen. Schon kurze Zeit nachdem Hindenburg die Kanzlerschaft an Hitler übertragen hatte, begann die systematische Ausschaltung der politischen Opposition. Die Arbeiterbewegung, ihre Parteien KPD und SPD, die ihnen nahestehenden Gewerkschaften sowie ihre Vorfeldorganisationen, die Arbeitervereine, Wohlfahrtsverbände und Zeitungen (z.B. Neckar-Echo) wurden zerschlagen. Das Heilbronner Polizeigefängnis füllte sich bereits Tage nach der Reichstagswahl immer mehr mit Kommunisten. Schließlich wurden am 28. März 1933 zwei volle Busse mit etwa 60 Nazi-Gegnern ins KZ Heuberg bei Stetten am Kalten Markt geschickt (Jacobi, S. 26). Da der Truppenübungsplatz Stetten und das Lager bis Ende des Jahres 1933 wieder für militärische Zwecke zur Verfügung stehen mussten, wurden die Häftlinge im Herbst 1933 in das neu errichtete Konzentrationslager Oberer Kuhberg bei Ulm verbracht.

Selbst Bücher wurden 1933 in Nordheim von übereifrigen Parteigenossen zensiert. Damals befahl der Ortsgruppenleiter (vermutlich Lehrer Hansis oder Lehrer Beringer) einem jungen Lehrer, alle Bücher aus der Schulbücherei herauszusuchen, die nicht dem nationalsozialistischen Gedankengut entsprachen. Diese Bücher wurden dann auf der Hofstatt verbrannt. Ebenfalls ins Jahr 1933 fällt das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933, das im Januar 1934 in Kraft trat. Dieses Gesetz diente im NS-Staat der sogenannten Rassenhygiene durch „Unfruchtbarmachung“ vermeintlicher „Erbkranker“ und Alkoholiker. Auch der Nordheimer Gemeinderat musste sich im Rahmen des Erbgesundheitsgerichtes mit dieser Thematik befassen. Die Konsequenz daraus war die Sterilisation von 4 Männern und 4 Frauen aus Nordheim in den Jahren 1935 bis 1937.
Diese ganze Bewegung und Entwicklung wären ohne die Partei und ihre Untergliederung nicht möglich gewesen. Nach der Machtergreifung 1933 baute die NSDAP den Führer-Mythos immer weiter aus. Politische Gegner wurden ausgeschaltet, ebenso die kritische Presse. So wurde auch Presse und Rundfunk vereinheitlich und ganz auf die Linie der Partei gebracht. Dadurch war es dem einfachen Bürger bald nicht mehr möglich, sich ein objektives und kritisches Bild der Lage zu verschaffen. Auch in Nordheim geriet das Leben der Menschen immer mehr in den Einflussbereich der Partei. Wer sich dieser Entwicklung entziehen wollte, galt als politisch unzuverlässig und somit als Gegner. Solche Menschen lebten gefährlich, denn die Kontrolle war allgegenwärtig.

Die NSDAP in Nordheim
Die NSDAP Ortsgruppe Nordheim wurde 1931 gegründet und zunächst von Otto Lenz geleitet. Die Mitgliederzahl lag vermutlich zwischen 10 und 20 Personen. Darunter waren auch einige Mitglieder, die bereits vor der Machtergreifung im Januar 1933 der Partei angehörten. Diese frühen „Parteigenossen“ (PG) bezeichnete man auch als „Alte Kämpfer“, vor allem, wenn sie eine Mitgliedsnummer unter der Zahl 300.000 führten. Am Ende des III. Reiches lag die Mitgliederzahl der Partei in Nordheim etwa bei 200. Zwischen 40 und 50 Personen aus Nordheim traten am 1.Mai 1933 in die NSDAP ein. Ab diesem Termin galt eine befristete Aufnahmesperre in die Partei, da man den Masseneintritten nicht mehr Herr wurde. Deshalb meldeten sich noch viele Menschen in letzter Minute an, bevor die Sperre wirksam wurde. Ausnahmen galten für Angehörige der Hitler-Jugend (ab 18), der NSBO (Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation) und Dienste in SA/SS. Dieser Personenkreis war von der Sperre ausgenommen und konnten weiterhin beitreten.
Die Führung der Ortsgruppe übernahm nach Otto Lenz bis September 1933 Lehrer Hansis, nach Hansis unklar (?), von 1936 bis 1940 Lehrer Willy Beringer und ab 1940 bis Ende des Krieges 1945 war Bäckermeister Wilhelm Karle Ortsgruppenleiter der NSDAP.Der Ortsgruppenleiter war der örtliche Amtsverwalter der Partei, über ihm stand der Kreisleiter, über diesem der Gauleiter. Im Volksmund nannte man die Ortsgruppenleiter wie auch die Kreisleiter „Goldfasan“, weil ihre hellbraune Uniform mit den bunten Abzeichen und goldene Litzen an das Gefieder eines Goldfasans erinnerte.
Eine Gemeinde, ein Stadtteil oder Wohngebiet war in Blöcke und Zellen eingeteilt. Jeder Block wurde von einem Blockleiter (Blockwart, auch „Treppenterrier“ genannt) betreut. Vier bis acht Blocks wurden zusammengefasst und bildeten eine Zelle, für die ein Zellenleiter verantwortlich war. Sowohl Zellenleiter als auch Blockleiter als rangniederste Parteifunktionäre waren dem Ortsgruppenleiter unterstellt. Ihre Macht und ihr Einfluss waren nicht unbedeutend, da sie ein wichtiges Instrument zur Überwachung, Kontrolle, Unterdrückung und Denunziation der Nachbarschaft waren.
Auch Nordheim (und Nordhausen) waren im Dritten Reich in Blöcke und Zellen eingeteilt. Es gab mehrere Zellenleiter, Blockleiter, Blockhelfer und Blockhelferinnen usw. Zum damaligen System gehörte, dass an möglichst viele Leute möglichst viele kleine Posten vergeben wurden. Da gab es den HJ-Gruppenführer, die BDM-Führerin, den SA-Rottenführer, den Luftschutzwart, den Ortsbauernführer, die Kassiererin der Nationalsozialistischen Frauenschaft (NSF) usw. Für viele Menschen bedeutete das, dass der Feierabend oder das Wochenende mit Versammlungen, Schulungen, Straßen- und Haussammlungen, Aufmärschen und Umzügen, Luftschutzübungen etc. ausgefüllt war. Doch nicht jeder, der in die Partei eintrat, war ein überzeugter Nationalsozialist (Nazi). Manche waren durch die äußeren Umstände wie Beruf, Firma, Stellung im öffentlichen Dienst usw. gezwungen, Mitglied in der NSDAP zu werden. Diesen Schritt nicht zu tun, hätte für sie oft existenzielle Folgen gehabt.
Waren Umzüge angekündigt wie z.B. Erntedank, Bauern- oder Handwerkertag, mussten die Bürger ihre Häuser schmücken mit Hakenkreuzfähnchen und Girlanden. In der Schule fragte der Lehrer die Kinder, wer noch keine Fahne hat. Wer noch keine Fahne hatte, musste aufstehen und wurde von seinen Klassenkameraden dumm angesehen.

Liste der Personen von Block 4 in Zelle I
Liste der Personen von Block 4 in Zelle I
Geschmückter Giebel anlässlich eines Umzuges
Geschmückter Giebel anlässlich eines Umzuges
Rechnungsbeleg der Gemeinde Nordheim für 20 Exemplare Sonderausgabe „Mein Kampf“ für Neuvermählte
Rechnungsbeleg der Gemeinde Nordheim für 20 Exemplare Sonderausgabe „Mein Kampf“ für Neuvermählte

Bei der standesamtlichen Trauung trug der Bürgermeister selbstverständlich eine Parteiuniform und überreichte dem Brautpaar das Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler, ggf. sogar als Hochzeitsausgabe mit Hitlerportrait und Widmungsblatt. Erstaunlicherweise werden heute solche Sonder- oder Jubiläumsausgaben dieses Buches im Antiquariat oder in Militariageschäften zu Preisen zwischen 200 und 300 Euro gehandelt.

Ulrich Berger

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