Mitteilungsblatt Nordheim
Neues aus Nordheim und Nordhausen
Nordheimer Geschichte
Erfasst von: Redaktion, Aslan, Selin | 05.03.2026

Ereignisse von den 20er bis zu den 50er Jahren -
die Zeit vor, während und nach dem III. Reich
2. Teil: 1933 - eine neue Zeit bricht an
Die „nationale Revolution“
Was sich im Frühjahr und Sommer 1933 in Deutschland abspielte, nannte man die „nationale Revolution“. Das Wahlergebnis und die gesamte Entwicklung wurden von der Gemeindeverwaltung in Nordheim sehr positiv, fast euphorisch, aufgenommen. Im Gemeinderatsprotokoll vom 28.4.1933, das aus dem gebundenen Protokollband von unbekannter Hand herausgeschnitten wurde und erst im August 2006 unerwartet wieder aufgetaucht ist, lässt sich das in aller Deutlichkeit erkennen und nachlesen. Auf dieser Seite steht u.a. Folgendes zu lesen:
„…Am 5. März 1933 atmete auch Nordheim befreit auf. Eine disziplinierte Revolution begann, in welcher kein Schuss fiel und niemand einen Schaden erlitt. Am 12. März 1933 wurde die Hakenkreuzfahne auf dem Rathaus gehisst und am 21. März auf der Bruchhöhe ein Höhenfeuer mit Ansprachen des Ortsgruppenleiters der NSDAP, Lehrer Hansis und dem Unterzeichnenden (Anm.: BM Karl Wagner) und Gesang des Liederkranzes als Symbol für Deutschlands Erneuerung abgebrannt. …. Noch ist diese Erneuerung nicht vollständig durchgeführt, sondern erst begonnen. Es werden dazu sämtliche Parteien und Gewerkschaften aufgehoben werden müssen. Die Arbeitervereine, die die Zellen für die marxistischen Ideen sind, werden aufgelöst und die Bürgerlichen von ihrer demokratisch- liberalistischen Denkart abgebracht werden müssen“.
(Auszug aus der herausgeschnittenen Protokollseite Nr. 549 vom 28. April über den 5. März 1933)
Gleichschaltung, Vereinsauflösungen
Bereits am 10. Mai 1933 wurde aus dieser Ankündigung und Drohung Realität. In einem Schriftstück aus dem Archiv vom 11. Mai 1933 heißt es: Das Vermögen der SPD- Ortsgruppe Nordheim wurde gestern Abend zwischen 6 und 7 Uhr durch Oberlandjäger Reimold und Schutzmann Lächele hier beschlagnahmt. Der Vorsitzende Gustav Metzger bestätigt am 11. Mai schriftlich die Auflösung der hiesigen Ortsgruppe.
Weitere Beschlagnahmungen und Auflösungen von der Arbeiterbewegung nahestehenden Vereinen erfolgten in den nächsten Wochen und Monaten: Arbeiter Turnverein Nordheim, Arbeiter Sportverein, Arbeitergesangverein „Lasallia“, Arbeiter - Rad - und Kraftfahrverein „Solidarität“ sowie der Arbeiter-Samariterbund.


Dieses Vorgehen bedeutete einen massiven Eingriff in das gesellschaftliche Leben der Nordheimer Bevölkerung. Die Partei war nun bestrebt, das Leben der Menschen zu kontrollieren und zu steuern. Für alle Gruppen gab es spezielle Organisationen der Partei, in denen die Menschen in der nationalsozialistischen Weltanschauung geschult bzw. geprägt (manipuliert) wurden. Das betraf alle Gruppen und Schichten der Bevölkerung: Jungen, Mädchen, Frauen, Männer, Landwirte, Arbeiter, Selbstständige, Beamte usw. Man musste nicht zwingend Mitglied in der NSDAP sein, aber nahezu jede Person gehörte irgendeiner Unterorganisation der Partei an. Händler und Gewerbetreibende waren Mitglied der NS-HAGO, Arbeiter waren in der DAF (Deutsche Arbeitsfront), Frauen waren Teil der Nationalistischen Frauenschaft NSF, Lehrer des NSLB, dem „Nationalistischen Lehrerbund“, und Landwirte mussten dem „Reichsnährstand“ (RNST) angehören. Das war eine „Körperschaft des öffentlichen Rechts“, ein Zusammenschluss der Bauernschaft mit der Verpflichtung, die Ernährung des Volkes autark sicherzustellen.
Jugend im Dritten Reich
Die Jugend war in der „Hitlerjugend“ zusammengefasst. Dort gab es das Jungvolk, die sogenannten „Pimpfe“, das waren Jungen von 10-14 Jahren. Die eigentliche Hitlerjugend umfasste die 14- bis 18-jährigen Jungen. Zum Jungmädelbund (JM) gehörten die 10- bis 14-jährigen Mädchen, die Mädchen von 14-18 Jahren gehörten in den BDM (Bund Deutscher Mädel). Der Alltag im Dorf änderte sich zusehends, anstatt „Grüß Gott“ sagten immer mehr Bürger „Heil Hitler“, und manche streckten dabei ihren rechten Arm mit ausgestreckter Hand hoch. Für Beamte und Lehrer wurde dieses sogar bald Pflicht.
Ab Februar 1938 mussten ledige Mädchen und Frauen unter 25 Jahren ein staatlich verordnetes Pflichtjahr in der Land- oder Hauswirtschaft ableisten, oft bei kinderreichen Familien. Diese Arbeit wurde in einem Arbeitsbuch vermerkt, das als Voraussetzung für eine spätere Anstellung galt.


Organisationen und Feste
Die sogenannte „nationalistische Revolution“ nach der Wahl im März 1933 wurde von der Partei mit geschickten Mitteln der Propaganda durch Presse und Rundfunk und mit Hilfe der Gliederungen der NSDAP wie z.B. Hitlerjugend, BDM, NS-Frauenschaft, DAF (Deutsche Arbeits-Front), NSV (Nationalistische Volkswohlfahrt) usw. so dargestellt, dass große Teile der Bevölkerung das neue Regime bejubelte. Wer etwas werden wollte, musste außerdem PG (Parteigenosse) werden. Es gab eine zunehmende Zahl von Veranstaltungen und Schulungen aller Art. So wurde das Volk auf Trab gehalten, und wer nicht mitmachte, stellte sich außerhalb der Volksgemeinschaft und war ein Aufwiegler oder gar Gegner. Vor diesem Hintergrund muss man teilweise die Parteizugehörigkeit und die Mitgliedschaft in NS-Organisationen der Menschen betrachten. Im Jahr 1933 wurden auch in Nordheim eine ganze Reihe von Aufmärschen, Reden und Festveranstaltungen abgehalten. Begonnen hat es mit dem Höhenfeuer auf der Bruchhöhe am 21. März als Ausdruck der Freude über den Wahlerfolg der NSDAP, begleitet von Ansprachen und Liederkranz-Beiträgen.
Danach folgten die Feierlichkeiten zum 1. Mai. Das war der erste vom NS-Regime zum „Tag der nationalen Arbeit“ erklärte Feiertag, der zur Propaganda-Massenveranstaltung mit Hitler auf dem Berliner Tempelhofer Feld wurde, bei der die „nationale Einheit“ beschworen wurde. In Nordheim wurden die Häuser geschmückt, es gab einen Umzug und die Ansprache des Reichspräsidenten Hindenburg wurde über eine Lautsprecheranlage der Firma Seeger aus Heilbronn auf dem Marktplatz übertragen. Anschließend ging man zum Gottesdienst in die Kirche. Pfarrer Graf beschreibt diesen Tag im Evang. Gemeindeblatt Nordheim vom Juni 1933 so:
Der 1. Mai, der Feiertag der nationalen Arbeit, hat auch in Nordheim einen würdigen Verlauf genommen. Festlich geschmückt waren Häuser und Straßen mit grünen Bäumen und Fahnen, auch vom Kirchturm wehte erstmals die weiße Kirchenflagge mit violettem Kreuze. Trotzdem sehr viele Gemeindeglieder nach auswärts zu den Feiern ihrer Betriebe gegangen waren, fand sich doch eine große Versammlung zur Hissung einer Fahne am neuen Schulhaus ein, von wo ein stattlicher Zug der Vereine, Schulen und sonstiger Teilnehmer sich zum Marktplatz aufmachte, um von dort nach Anhörung der Ansprache des Herrn Reichspräsidenten sich in die Kirche zu begeben. Selten ist unser Gotteshaus so voll gewesen wie am 1. Mai. Möge nun das gute Werk der Versöhnung der „Klassen“ unseres Volkes, das mit dem 1. Mai so hoffnungsvoll begonnen hat, durch verständnisvolle Mitarbeit der Stände und Berufe gefördert und vollendet werden!

Am 24. Juni folgte die Sonnwendfeier. Mit Fackelzug ging es durch den Ort zum Sportplatz neben der Südstraßenschule. Dort wurde ein Reisighaufen angezündet und flammende Reden und Gesänge wiesen auf die Bedeutung dieses Tages hin. Von den Schulkindern erhielt jedes eine Brezel.


Und bereits am nächsten Tag, am 25. Juni, wurde der Deutsche Liedertag gefeiert. Auf dem Marktplatz trat der Liederkranz auf mit festlichem Gesang. Beim Erntedankfest am 1. Oktober, der auch Tag des Bauern war, gab es wieder einen Festzug mit vielen Wagen der Bauern und Weingärtner, des Gewerbes und der Schüler. Außerdem noch eine Versammlung auf dem Marktplatz mit Reden, Gesang und musikalischen Darbietungen. Auch dazu wieder eine Bemerkung von Pfarrer Graf: „…ein Zeugnis, daß auch hier das Bewußtsein der Volksgemeinschaft, der Zusammengehörigkeit und Verbundenheit aller Stände und Berufe sich immer stärker in Herz und Gemüt einstellt.“
Den nächsten Festzug, auch wieder mit Bauern, Weingärtnern und Handwerkern, gab es schon zwei Wochen später beim Tag des Handwerks am 15. Oktober 1933. Auch der Liederkranz wirkte mit und am Abend gab es ein gemütliches Beisammensein in der „Rose“.


In den Folgejahren kamen weitere Feiern im nationalsozialistischen Jahreslauf dazu: Der Tag der Machtergreifung (30.1.) wurde als „Jahrestag der nationalsozialistischen Revolution“ gefeiert, im März war der Heldengedenktag. Der Geburtstag des Führers am 20. April wurde zum „Tag der Volksgemeinschaft“, der Muttertag mit Verleihung des Mutterkreuzes (zweiter Mai-Sonntag) war ein besonderer Festtag, die Feier der Wintersonnwende u.v.m. Ziel dieser vielen Feste mit Reden, Gesängen, Pauken und Fanfaren war es, ein „nationales Volksbewusstsein“ zu schaffen.
Ulrich Berger
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