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Nordheimer Geschichte (Der Katzentalbach und seine vielfältige Nutzung, Teil 3)

Erfasst von: Redaktion, Schweiker, Beate | 25.09.2025 – 14.10.2025

Nordheimer Mühlen: Die Untere Mühle Bereits vor rund 7000 Jahren wurde auf Nordheimer Boden Getreide angebaut und das geerntete Korn zu Mehl gemahlen. Das belegt der Fund eines jungsteinzeitlichen Mahlsteins Mitte der 80er Jahre im Gewann Hofstatt. Für den Mahlvorgang benötigte man zwei Steine: einen feststehenden, leicht gehöhlten Unterstein (Fundstück) und einen Läuferstein, der auf dem ruhenden Stein hin- und herbewegt wird. Zwischen diesen beiden Steinen wird das Korn zermahlen. Versuche von Experten haben ergeben, dass man mit einem solchen Mahlstein innerhalb einer Stunde etwa 1 Kilo feines Mehl produzieren kann. Auch bei den Ausgrabungen der keltischen Viereckschanzen in den 90er Jahren im Gewann Kupferschmied wurde ein Mahlstein aus Sandstein von einer Drehmühle gefunden. Er stammt aus der Zeit des 2. Jahrhunderts v.Chr. Auch in diesem stattlichen keltischen Anwesen wurde also Korn gemahlen. Die in keltischen Siedlungen gefundenen Mahlsteine haben einen Durchmesser von etwa 30 bis 60 Zentimeter. Diese Drehmühlen bestanden aus einem festliegenden Bodenstein und einem darüber gelagerten drehbaren Läuferstein.

Bereits bei der Gründung einer Siedlung musste an das Mahlen von Korn gedacht werden, entweder durch handbetriebene Mühlen in den Häusern und Höfen oder durch Wasserantrieb an Bachläufen. Das lateinische Wort „molina“ für Mühle deutet darauf hin, wem wir die Mühlen zu verdanken haben: Die Römer vermittelten den Franken die Technik der Mühle. Das Müllerhandwerk war eines der ältesten und auch zahlreichsten Handwerke in Südwestdeutschland, worauf der häufige Familienname „Müller“ heute noch hinweist. Mühlen befanden sich häufig außerhalb des umfriedeten Dorfraumes, was nicht nur eine geografische Sonderstellung der Mühle, sondern häufig auch eine soziale Sonderstellung des Müllers bedeutete. Müller waren früher deshalb oft geheimnisumwittert, ähnlich wie die Schäfer.

Die früheste schriftliche Erwähnung einer Mühle in Nordheim findet sich in einer Urkunde um 823, in der auch der Name Nordheim selbst erstmals vorkommt. In dieser Schenkungsurkunde des Adalbodo wird eine unbekannte Zahl von Höfen erwähnt und als Zubehör Häuser, Wirtschaftsgebäude, Wälder, Wiesen, Weiden, Wasserläufe und Mühlen aufgezählt. Der nächste schriftliche Beleg folgt 1372, ein Edelknecht Reinbot von Klingenberg und seine Frau Agnes vermachen dem Heilbronner Franziskanerkloster eine Jahrtagstiftung über drei Pfund Heller von der Nordheimer Mühle und einer dortigen Wiese (HStAS A 329 L Bü 55; Nr. 291).

Wappen
Wappen

Der alte Wappenstein zeigt in der Mitte ein symbolisiertes Mühlrad, das rechts und links je von einem Löwen gehalten wird, darüber eine Krone. Diese Darstellung ist ein Hinweis darauf, dass es eine herrschaftlich württembergische Mühle war. Durch die Tatsache, dass Nordheim der Herrschaft Württemberg gehörte und deshalb dorthin zins- und abgabepflichtig war, musste aus den Mühlen ein festgelegter jährlicher Mühlenzins abgeführt und bei jedem Verkauf der Mühle vom Käufer und Verkäufer ein fester Betrag an die Herrschaft entrichtet werden. Die Buchstaben
C und R sowie die Jahreszahl weisen auf den Bauherrn und auf das Baujahr hin.

Es sprechen zwei Gründe dafür, dass die erste mit Wasserkraft angetriebene Nordheimer Mühle etwa an der Stelle gestanden haben könnte wo sich die Untere Mühle (Barho, Notz) befand. An dieser Stelle trafen zwei Bachläufe zusammen, der Katzentalbach und der Breibach. Somit war ausreichend Wasser verfügbar, um ein Schaufelrad durch Wasserkraft anzutreiben, denn die Wassermenge war existenziell für den Betrieb einer solchen Mühle. Außerdem war die Geländebeschaffenheit an dieser Stelle günstig. Man konnte einen künstlichen Mühlkanal anlegen und das Bett des Mutterbaches als Überlaufkanal nutzen. Durch den Höhenunterschied von etwas über 5 m zwischen Oberwasser und Unterwasser konnte ein oberschlächtiges Mühlrad angetrieben werden. Wann sich dort erstmals ein Mühlrad durch die Kraft des Wassers drehte, lässt sich aber heute nicht mehr feststellen.

In der Mitte das Gebäude aus dem Jahr 1775. Dahinter der Mühlenneubau aus dem Jahr 1936. Dazwischen befand sich die ehemalige Gipsmühle.
In der Mitte das Gebäude aus dem Jahr 1775. Dahinter der Mühlenneubau aus dem Jahr 1936. Dazwischen befand sich die ehemalige Gipsmühle.

Das alte Mühlengebäude der Unteren Mühle, dass manchen Älteren noch bekannt ist, wurde 1775 nach Abbruch eines Vorgängergebäudes von Christian Rappoldt neu erbaut. Ein Stein mit Zunftzeichen der Müller und der Jahreszahl 1775 sowie den Initialen C und R für Christian Rappold ist erhalten und in der Fassade des Anbaus neben dem ehemaligen Mühlengebäudes angebracht. Vor Rappoldt sind die Namen von etwa 13 vorherigen Mühlenbesitzern bekannt, der älteste davon ist ein 1471 erwähnter Müller mit Namen Ludwig Müller. Nach Rappoldt kommen weitere 10 Namen vor bis die Untere Mühle schließlich 1897 von Louis Dieter an Carl Philipp Notz, dem Sohn des Lauffener Müllers Carl Christoph Notz, für 34 000 Mark verkauft wurde. Im Kaufbuch findet man dazu u.a. folgende Angaben: „Die Untere Mühle, parterre mit 3 Mahlgängen und 1 Gerbgang …eine einstöckige Gipsmühle mit Gipsstampfe südlich vom Haus ….“. Der Kaufpreis beinhaltete neben den Gebäuden mit allem Inventar auch 2 Pferde und 79 ar Wiesen. Der Verkäufer Louis Dieter erwarb danach die Gaststätte „Adler“ in der Südstraße, die er bereits nach einem Jahr wieder verkaufte. Nach Carl Notz übernahm 1923 dessen Sohn August die Untere Mühle. Dieser war verheiratet mit Emma Bader aus Horkheim. August Notz (+1951) war ein großer Förderer des Turnsports in Nordheim. Er stellte seine Wiese und auch Räumlichkeiten für die beiden Nordheimer Turnvereine (Freie Turner = Arbeiter/SPD, und daneben die Turngemeinde Nordheim, das waren Bauern, Handwerker und Selbstständige) zur Verfügung, obwohl es z.T. heftige Spannungen zwischen diesen beiden Gruppierungen gab. Er war zunächst Schriftführer, von 1922-1936 sogar Vorsitzender der Turngemeinde Nordheim. Im Raum der früheren Gipsmühle standen Barren und Bock für Turnübungen zur Verfügung.

Gruppenbild der Turner vor der Unteren
Gruppenbild der Turner vor der Unteren

In der Gipsmühle hat man früher Gipskeuper zu Düngergips gemahlen oder zerstampft. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es noch keinen Kunstdünger, aber das Wissen um die Möglichkeit der Bodenverbesserung durch Mineralstoffe war bereits bekannt. Deshalb fand der Dunggips als mineralischer Dünger auch auf den Feldern in unserer Gegend Verwendung. Das Material dazu hat man in Gipsgruben am Heuchelberg oder am Hörnle gebrochen. Trat der Gipskeuper schon bröselig zu Tage, konnte er unmittelbar verwendet werden, ansonsten musste man die Brocken in der Gipsmühle mahlen bzw. in der Gipsstampfe mit Stämpfeln zerstoßen.

Die Untere Mühle

Bei der Unteren Mühle wurde der
Katzentalbach und der Breibach zusammengeführt. Mittels eines Überlaufs (Querverbindung) konnte die Wassermenge reguliert werden.

1 Altes Wohn- und Mühlengebäude (1775)

2 Neue Mühle (1936)

3 Scheune

4 Stall

5 Überlauf (Leerlauf)

1936 wurde von August Notz die „Neue Mühle“ gebaut, das ist das Gebäude im oberen Foto mit dem Fachwerkgiebel (heute: Druckerei und Wohnhaus). Mit dem Aufkommen der Elektrizität war man in der Unteren Mühle nicht mehr vom Wasser abhängig. Mit einer 1936 eingebauten Turbine konnte sogar selbst Strom erzeugt werden. Allerdings musste man darauf achten, dass immer Mahlgut im Mahlwerk war, sonst brannten bei unbelastetem Mahlwerk bzw. Generator die Glühlampen durch! 1964 erfolgte der Abriss des alten Mühlengebäudes. Ursprünglich gehörte sehr viel Fläche um die Mühle herum zum Gesamtareal, so z.B. auch der Platz, auf dem sich heute die Bäckerei Hofmann befindet. Diese Bäckerei wurde ehemals gebaut und betrieben von Wilhelm Eberbach und seiner Frau Johanna geb. Notz, einer Tochter des Müllers Carl Notz. Nach dem Tod von August Notz 1951 wurde die Mühle von der Ehefrau Emma Notz geb. Bader und dem Neffen Otto Notz weitergeführt, da der Sohn Reinhold Notz des Müllerehepaares im II. Weltkrieg gefallen war. Nach dem Weggang von Otto Notz 1957 kam Wilhelm Barho als Müller und Geschäftsführer in die Untere Mühle. Barho heiratete die Nichte von Emma Notz, Erika Bader, und betrieb die Mühle, die in das Eigentum des Ehepaares Barho überging, bis 1992.

Das Getreide wurde früher oft erst im Herbst nach der Traubenlese gedroschen und die für den Eigenbedarf benötigte Menge lagerte man in Kornsäcken in der Fruchtkammer, denn Korn ist einfacher zu lagern als Mehl. Je nach Bedarf fuhr man 3–4-mal im Jahr in die Mühle zum Ausmahlen. Zu Hause kam dann das Mehl in eine besondere Kammer, aufbewahrt in Säcken oder in einer Truhe. Um das „Dumpfwerden“ des Mehls zu verhindern, wurden die Säcke von Zeit zu Zeit geschüttelt. Über den Mehlbedarf einer sechsköpfigen Familie wird um 1915 berichtet: „Alle 14 Tagen wird bei 6 Personen das Backen von 10 Schwarzbrot- und 3 Weißbrotlaiben zu je 5 bis 6 Pfunden nötig. Dazu kommen 3 bis 4 Kuchen.“ Der jährliche Mehlbedarf dieser Familie lag bei etwa 18 Zentner, was für 1 Person 3 Zentner (150 kg) pro Jahr bedeutete bzw. täglich etwa 500 g Brot. In einem Gespräch im Sommer 1990 erzählte Wilhelm Barho, wie schwer die Arbeit in einer Mühle früher war:

Wilhelm Barho auf der Rampe am Eingang zur Unteren Mühle
Wilhelm Barho auf der Rampe am Eingang zur Unteren Mühle

Wer Getreide zum Mahlen brachte, blieb oft in der Mühle und half mit, mancher war vielleicht auch etwas misstrauisch und wollte die Arbeit kontrollieren. (Anmerkung: Nach altem Brauch wurde der Mahllohn nicht in Geld, sondern in Frucht gereicht. Diesen Mahllohn, das Milter oder „mildern“ genannt, wog der Müller vom zu mahlenden Getreide weg. Da die verschiedenen Getreidesorten unterschiedliches spezifisches Gewicht hatten, war die Sache manchmal kompliziert und gab Anlass zu Misstrauen.) Das Mahlgut musste oft 4, 5, ja sogar 6–7-mal von unten wieder hochgeholt und neu ins Mahlwerk eingebracht werden. Je nach Ausmahlungsgrad entstand so das feine, weiße Kochmehl oder das gröbere, dunkle Schwarzbrotmehl. Während des Mahlvorgangs konnten die Helfer dann auch zusammensitzen und Karten spielen. Lief das Mahlwerk jedoch leer, ertönte eine Glocke und man musste schnell nachfüllen, um eine Beschädigung der Mahlsteine zu verhindern.

Das Wasserrecht, das jahrhundertelang den Bestand der Mühle sichergestellt hatte, wurde 1960 aufgegeben. Müller Barho hatte es bis 1959 nur noch zeitweise genutzt, seit Sommer 1959 gar nicht mehr. Mit dem Wasserrecht war auch die Pflicht verbunden, den Mühlkanal von der Mühle bis zum Gasthaus „Sonne“ an der Lauffener Straße immer wieder zu entschlammen und sauber zu halten, was einen enormen Aufwand für den jeweiligen Mühlenbetreiber bedeutete. Nach einer Einigung zwischen der damaligen Eigentümerin Emma Notz (+1962), Müllermeister Barho und der Gemeinde wurde der Mühlkanal und alle dazugehörenden Rechte aufgegeben und an seiner Stelle ein Abwasser-Sammelkanal verlegt. Wo einst der Mühlkanal verlief, führt heute ein geschotteter Verbindungsweg von der Lauffener Straße bis zur Mühlstraße.

Einbetonierte alte Mahlsteine als „Denkmal“ zur Erinnerung an die ehemalige Mühle
Einbetonierte alte Mahlsteine als „Denkmal“ zur Erinnerung an die ehemalige Mühle
Die heutige Situation: Wohnhaus und Druckerei
Die heutige Situation: Wohnhaus und Druckerei

Neben dem Mahlbetrieb handelte der Müller Barho außerdem mit Getreide, Mehl, Futtermitteln und in den letzten Jahren auch noch mit Naturprodukten wie Eier, Mehl, Haferflocken usw. Zur Mühle wurde 1961 ein großes Getreidesilo hinzugefügt, die Familie Barho wohnte in einem neu erbauten Haus an der Mühlstraße östlich der Mühle. Das Ehepaar Notz hatte sich um 1950 ein neues Wohnhaus als Alterssitz an der Bahnhofstraße 36 gebaut, doch August Notz starb bereits 1951 im Alter von erst 65 Jahren. Nach Stilllegung der Mühle 1992 wurde die Erdgeschossfläche gewerblich vermietet, die darüber liegenden Geschosse wurden zu Wohnungen um- bzw. ausgebaut.

Ulrich Berger

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