Startseite> Neues aus Nordheim und Nordhausen> Geschichte des Monats Juni

Mitteilungsblatt Nordheim

Neues aus Nordheim und Nordhausen (Archiv)

Dieser Artikel befindet sich im Archiv!

Geschichte des Monats Juni

Erfasst von: Redaktion, DS | 30.06.2022 – 07.07.2022

Die „Wiederbelebung“ der Nordheimer Weiberzeche

Am 2. April 2005 fand die Wiederbelebung der Nordheimer Weiberzeche unter großem Zuspruch des weiblichen Teils der Einwohnerschaft statt. Gerechnet hatte man mit etwa 120 Gästen im Sitzungssaal des „Alten Bauhofs", gekommen waren über 200 Besucherinnen. Den Ausschank an diesem Abend hatten Bürgermeister Volker Schiek und eine Abordnung aus dem Gemeinderat übernommen. Der Service an diesem Festabend klappte vorzüglich, und der Schultes spendierte jeder Dame sogar ein „Viertele“ auf Kosten der Gemeinde. Die Stimmung war während des ganzen Abends hervorragend, egal ob nun Polonaise getanzt wurde oder ob die Nordhausener Theatergruppe Scheinwerfer mit Beate Schilling und Doris Thomas ihr Zimmer zu vermieten hatten. Ein Höhepunkt des Abends war der Auftritt der flotten Mary, die hinreißend tanzte, kokettierte und sang, und nicht alle im Saal hatten gleich bemerkt, dass sich hinter dieser Mary der stets korrekte Nordheimer Kämmerer Manfred Baier verbarg. Der Beifall an diesem Abend war grandios, und alle weiteren Veranstaltungen in den Folgejahren verliefen äußerst lebhaft, humorvoll und erfolgreich. Doch was war der Auslöser für die Neuauflage dieses uralten Brauches? Wie kam man überhaupt auf die Idee, ein Fest für Frauen unter dem Motto Essen – Trinken – Lachen – Tanzen, bei dem keine Männer eingeladen sind, zu veranstalten?

 

Bild Manfred Baier

Manfred Baier als flotte "Mary".

 

Die Geburtsstunde der neuen Nordheimer Weiberzeche schlug während einer historisch-kulinarischen Weinprobe am 12. Juli 2003 in der Alten Kelter im Rahmen des ersten Nordheimer Blumensommers. Das Motto des Abends lautete: Nordheimer Wein trifft Nordheimer Geschichte. Dabei wurde den Gästen nach dem hervorragenden achtgängigen Menü aus der Zinser’schen Küche und zwischen den acht zu verkostenden Weinen zur Unterhaltung historisch-humorvolle Geschichten und Anekdoten aus Nordheim dargeboten. Einer dieser Beiträge berichtete über die Weiberzeche aus dem Jahr 1691, bei der so heftig gefeiert wurde, dass es dabei zur Verletzung von Sitte und Anstand kam und diese Verfehlungen dem Kirchenkonvent gemeldet wurden, der ein detailliertes Protokoll darüber anlegte: Ist geklagt worden, dass am AscherMitwochs abendt bey der Weiber Zech, dabei auch H.N. Hezel Substitutus zu Brackenheim, sein geweßen, von diesen, H. Schultheißen, Bürgermeister und Gerichtspersonen und etliche  Weibspersonen allerhand schändliche Narrentheidungen, Grobe Zotten und unzüchtige Red verübt worden welches folgende gestalt geschehen … (Anm.: Mit Herrn N. Hezel, Substitutus ist der Gehilfe des Schreibers gemeint; als „Zotten“ werden ungehörige Reden, unflätige Possen bezeichnet).

 

Bild kulinarische Weinprobe

Ein Höhepunkt des Blumensommers 2003 war die kulinarische Weinprobe unter dem Motto 
Nordheimer Wein trifft Nordheimer Geschichte.

 

Der Kirchenkonvent wachte damals im weitesten Sinne über die Aufrechterhaltung der Kirchenzucht und der „guten Sitten“ im Dorf, er war also eine Art Moralinstanz und Sittengericht zugleich. Den Vorsitz hatte der Ortspfarrer. Man tagte meist an Sonntagnachmittagen, mindestens einmal im Monat, bei Bedarf auch öfters. Beisitzer waren der Heiligenpfleger (Kirchenpfleger), der Schultheiß und zwei Gemeinderäte. Protokoll führte der Pfarrer selbst oder der Schulmeister. Nordheim hatte zur Zeit dieses „schändlichen Ereignisses“ knapp 400 Einwohner. Hätte man damals unauffällig und „anständig“ gefeiert, wüssten wir heute von der früheren Nordheimer Weiberzeche überhaupt nichts. 

Nach Beendigung des historischen Beitrags zur Weiberzeche im Rahmen der historischen Weinprobe im Juli 2003 trat Werner Michelbach spontan vor das Mikrofon und machte dem Publikum den Vorschlag, solch ein Fest für Frauen – ohne ihre Männer – sollte in Nordheim wieder eingeführt werden. Die Gäste applaudierten begeistert, das war der Startschuss und nun stand diese Idee einer „Nordheimer Weiberzeche“ im Raum. Es dauerte allerdings noch eine gewisse Zeit, bis sich eine Gruppe Nordheimer und Nordhausener Frauen um Lise Baumann zusammenfand und konkrete Planungen für ein solches Fest aufnahm. Die Raumfrage musste geklärt werden, ein Rahmenprogramm erstellt und für Essen und Trinken gesorgt werden. Am 2. April 2005 war es schließlich so weit, die erste neue Nordheimer Weiberzeche konnte stattfinden. Der Erfolg dieser Veranstaltung war riesig, und schon bald musste man in den Folgejahren wegen Platzmangels in die größere Turn- und Festhalle umziehen.

 

Bild Ulrich Berger

Ulrich Berger berichtet über die Vorfälle bei der Weiberzeche im Jahr 1691.

 

Der historische Ursprung von „Weiberzechen“ im Allgemeinen ist nicht eindeutig geklärt. Es ist aber denkbar, dass es sich um eine Tradition der alemannischen Fastnacht handelte oder aber um einen gewissen Abschluss der winterlichen Erholungs- und Ruhephase. Um was ging es? Bei diesem alten Brauch, der auch als „Trunk der Weiber“ oder „jährliche Zech“ bezeichnet wird, ging es im Kern darum, dass die Frauen des Dorfes einmal im Jahr, meist an Aschermittwoch, auf Kosten der Gemeinde Brot und Wein erhielten. Der Schultheiß (heute Bürgermeister genannt) und der Bürgermeister (damit war früher der Gemeindepfleger gemeint) machten den Ausschank, eventuell auch noch der „Büttel“ (Amtsbote). Ansonsten waren keine weiteren Mannsleute zugelassen, auch nicht der Pfarrer. Dessen Frau durfte natürlich dabei sein. Was war nun der Anlass dafür, dass die Obrigkeit Anstoß nahm am Treiben der Frauen an diesem Aschermittwoch im Jahr 1691?

Im Verhandlungsprotokoll von 1691 wird von der Weiberzeche so geredet, als gäbe es diese Einrichtung schon seit längerer Zeit. Seit wann dieser Brauch in Nordheim praktiziert wurde, konnte bisher aber nicht festgestellt werden. Auch nicht, wann er abgeschafft wurde. Auf alle Fälle nahmen am Aschermittwoch (28. 2.) des Jahres 1691 interessanterweise auch mehrere Männer an der Zusammenkunft teil, so auch der Schultheiß, der Lehrer, Gerichtspersonen (= Gemeinderäte), der Gehilfe des Schreibers aus Brackenheim und dann natürlich etliche „Weibspersonen“. Wo die Veranstaltung stattfand, wird leider nicht erwähnt. In bestimmt nicht mehr ganz nüchternem Zustand wurden laut Protokoll an die Männer militärische Dienstgrade verteilt, so z.B. Feldwebel oder Leutnant. Der Hebamme schlug der Schreibergehilfe vor, sie solle ein Feldwebel werden und gab ihr Werbgeld. Dann wurden die Frauen als Soldaten angeworben und erhielten Pfennigbeträge als Werbgeld. Zum Spaß erteilte man den Frauen üble eindeutig zweideutige Namen, so hieß Jerg Benders Frau Waldburga jetzt „Waldburga von Tutsgern“, oder Hans Michel Weibergers Frau Anna Barbara wurde „Dambour“ genannt, was „Trommler“ bedeutete. Sie war wohl dick und kugelrund wie eine Trommel, denn zehn Tage später, am 7. März, gebar sie ein Töchterlein, das allerdings fünf Monate später schon verstarb. Den Frauen gab man außerdem ein Scheit Holz in die Hand als Gewehr, und nun wurde exerziert, wobei sich die Hebamme den Degen des Schreibers umhängte und es zu allerlei Ungeziehmenden Narrenthaidungen kam. So wurde gefeiert bis um 2 Uhr in der Nacht. Erschwerend kam nun hinzu, dass mit Ausnahme der Frau des Hausbecken Martin Braun die gesamte Runde am nächsten Tag wieder zusammentraf, um weiterzufeiern! Der Schultheiß brachte dazu etlich Maß Wein zu Verzehren mit und der Gehilfe des Schreibers gab einen Gulden, so dass es lustig weitergehen konnte. Jetzt wurden Pfänderspiele gemacht, das jeweilige Pfand musste mit Küssen wieder ausgelöst werden. Grobe Zotten und unzüchtige Red lautete hier nun der Vorwurf.

 

 

Bild 1 Anwesenheitsliste

Bild 2 Anwesenheitsliste

Auszug aus dem Original mit Abschrift mit den wirklichen Namen und den zugedachten, zweideutigen und auch obszönen Namen bei der Veranstaltung. Die Anmerkung rechts außen lautet: Sind deßwegen geständig, haben aber nichts Böses oder Unzüchtiges bey solchen Nahmen verstanden.

 

Wie konnte es zu derartigen Entgleisungen kommen? 

Um das auch nur ein wenig verstehen zu können, muss man die Situation der Menschen in dieser Zeit genauer betrachten. Es fehlte an jeder Art von Abwechslung, Vergnügen oder Zeitvertreib. Der Bildungsstand war gering, es gab am Ort keine Zeitung, kein Buch, geschweige denn Radio, Fernseher oder Telefon. Die Frauen in dieser Zeit waren nicht selbstständig, sie benötigten für Rechtsgeschäfte als Ledige die Zustimmung des Vaters oder Vormundes, als Verheiratete diejenige des Ehemannes und als Witwe die des Kriegsvogtes (ein männlicher Vertreter). Ihre Gedanken reichten vermutlich nur wenig über Nordheim hinaus, viele waren des Schreibens und Lesens kaum kundig. Der Tages- und Wochenverlauf war geregelt und von Arbeit, Abgabenlasten und von allerlei Vorschriften geprägt. Seit 1688 gab es schon wieder kriegerische Handlungen in der Umgebung, die Angst und Schrecken bei diesen Menschen auslösten. Französische Truppen marschierten in die Pfalz ein, Heilbronn wurde besetzt, Heidelberg teilweise zerstört. Schon seit 1687 und 1688 wurde ein reger Soldatenhandel mit Rekruten aus Württemberg betrieben. Das mag wohl ein Motiv für die „militärische“ Ausrichtung der zweideutigen Spielchen an jenem Abend in Nordheim gewesen sein. Außerdem war die Not der Bevölkerung noch immer groß. Von den 24 im Jahr 1691 verstorbenen Personen waren 18 Kinder. 1692 starb der erste Erwachsene den Hungertod. 1694 gibt es bereits 11 Hungertote. Mit diesen Ausführungen sollen die Umtriebe am Aschermittwoch 1691 nicht beschönigt werden. Klar ist aber, dass die Beteiligten sich zum Teil aus sicherlich verzweifelten Situationen heraus einfach treiben ließen, sich vergaßen und dabei auch der Wirkung des Alkohols anheimfielen. Dass sie am nächsten Tag noch eins draufsetzten, wird wohl der Tropfen gewesen sein, der dann das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Besonders interessant ist aber die Tatsache, dass niemand bestraft wurde. Am Ende des Protokolls steht: Die Sach ist bei dem Oberambt ungestraft verligen bliben.

Daraus kann man den Schluss ziehen, dass die Obrigkeit sehr wohl um die Lage dieser Menschen wusste. Man wusste auch, wie wichtig ein solches „Ventil“ war, an dem Trauer und Schmerz, Hunger und Leid vergessen werden konnten und die Menschen sich einmal im Jahr mit all ihren Emotionen und Bedürfnissen gehen und treiben lassen konnten. Geht man von einem normalen Verlauf einer Weiberzeche aus, war es sicherlich gut für die dörfliche Gemeinschaft, dass Frauen einmal im Jahr ein wenig über die Stränge schlagen durften.

Ulrich Berger

 

Bild feiernder Frauen im Alten Bauhof

Frauen feiern ausgelassen im Sitzungssaal des Alten Bauhofes.

 

Bild feiernder Frauen in der Festhalle

Musik und Tanz bei der Weiberzeche in der Turn- und Festhalle.

 

/resources/ecics_5938.pdf