Mitteilungsblatt Nordheim

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Geschichte des Monats Januar 2021

Erfasst von: Redaktion, DS (12.01.2021)

König Friedrich I. von Württemberg am 28.12.1810 in Nordheim

 

Eine große Überraschung steckte in einer handschriftlichen Aufzeichnung von Heinrich Titot, Stadtschultheiß von Heilbronn in den Jahren 1835-1848. Der Heilbronner Historiker und Glockenexperte Norbert Jung bearbeitete diesen Text und entdeckte dabei für Nordheim äußerst interessante Informationen. Heinrich Titot wurde als 14jähriger Knabe Zeuge des Nordheimer Ortsbrandes in der Nacht des 27.12.1810. Mit seinem Vater, dessen Kutscher und ihrer aus Nordheim stammenden Magd fuhren sie in der Nacht zum Ort des Geschehens. Wann Titot Jahre später seine Erlebnisse aufgeschrieben hat, ist unklar, vermutlich um 1840.

 

Sein Bericht in einer

buchstabengetreuen Abschrift:

„ .. Die größte Feuersbrunst, die ich als Knabe wüten sah,

war die in der Nacht vom 27. November (richtig: Dezember!) 1810 zu Nordheim, in welcher die Kirche mit 43 anderen Gebäuden in Rauch aufgegangen sind. Als die Nachricht von dem ausgebrochenen Feuer nachts in Heilbronn eintraf, ließ mein Vater wie gewöhnlich seinen Bauernwagen einspannen und ich und unsere Magd, welche aus Nordheim war, fuhren mit meinem Vater und Kutscher nach Nordheim. Auf der Höhe jenseits Klingenberg fanden wir die ganze Gegend durch das Flammenmeer erhellt. In Nordheim stand alles bei der Kirche in Flammen, mit lautem Wehklagen gewahrte meines Vaters Magd, daß ihr väterliches Haus bereits abgebrannt war. Der Jammer der vielen Unglüklichen war entsezlich, es waren tausende von Menschen zu helfen bereit, aber das Wasser mußte weither geholt werden und reichte nicht aus, das weite große Feuermeer zu löschen. Da wälzten sich die Flammen hin zur Kirche, der Dachstuhl brannte, und furchtbar schön ward der Kirchthurm zu einer feuerigen Pyramide. Der Glokenstuhl brannte, die Gloke schmolz, die Sparren krachten, und bald stürzten die Dächer des Thurmes und der Kirche zusammen. Am folgenden Morgen war die Kirche ausgebrannt, nur die 4 Wände noch übrig, und an einer Wand innen hieng die indessen wieder erkaltete Glokenspeise, weil die Gloke wie ein Wachslicht herabgeträufelt war. Auch der König Friedrich kam noch um Mitternacht, und da gieng es an, ein Menschengeheze, welches die Verwirrung nur noch vermehrte. Morgens fehlte es an Brod für die Hungrigen, bis von den benachbarten Orten her Wägen mit Brot herbeigeführt waren. Mit Wehmuth erfüllt verließen mein Vater und ich die traurige Stätte der Verwüstung, nebst der Magd, deren alte Mutter in unsere Wohnung aufnehmend, wo sie sich den ganzen Winter bey uns aufhalten durfte. ..."

 

 

Dieser Bericht beinhaltet einige interessante Informationen über diese Nordheimer Brandkatastrophe. Völlig neu und bisher nicht bekannt ist z.B. der Hinweis, dass um Mitternacht der württembergische König Friedrich I. erschienen sei.

Eine Nachricht über die Brandkatastrophe wird der König oder einer seiner engeren Mitarbeiter wahrscheinlich vom Amtsvogt in Brackenheim erhalten haben. Aus einem Eintrag im Hofdiarium Stuttgart (Archiv des Hauses Württemberg, Altshausen) von 1810 geht allerdings hervor, dass der König erst am Vormittag des 28. Dezember dort eintraf. Unter diesem Datum ist im Hofdiarium (Tagebuch) vermerkt: Heute früh 7 Uhr begaben sich des Königs Majestät von hier nach Nordheim, allwo eine starcke Feuers-Brunst war. Allerhöchstdieselben kehrten hierauf nach Monrepos zurück.

 

Der Leiter dieses Archivs, Dr. Eberhard Fritz, bemerkt dazu: Unter den württembergischen Herrschern war es üblich, dass sie bei schweren Brandunglücken so schnell wie möglich an den Ort der Katastrophe eilten. Das hatte schon Herzog Karl Eugen so gemacht, der sich in so einem Fall auch mitten in der Nacht wecken ließ. Die Anwesenheit des Landesherren sollte nicht nur seinen fürsorglichen Charakter für in Not geratene Landsleute zum Ausdruck bringen, was selbst für einen sehr autoritären Herrscher wie König Friedrich zum Selbstverständnis gehörte, sondern viele Leute schrieben dem Herrscher auch die Fähigkeit zu, Feuer zu bannen.

 

 

Das Brandereignis mit all seinen Folgen könnte den König beeindruckt haben, denn er scheint es danach mit Nordheim und seinen Bürgern gut gemeint zu haben:

a) der Wiederaufbau 1811 wurde von Stuttgart aus fachmännisch geplant und

b) er schenkte den Nordheimern 1812 eine Glocke aus dem 1811 aufgehobenen Kloster Margarethenhausen (diese „Königsglocke“ musste im Februar 1942 für Kriegszwecke abgeliefert werden und wurde eingeschmolzen).

Wie Titot in seinem Bericht die brennende Kirche beschreibt, klingt schon fast literarisch:

Da wälzten sich die Flammen hin zur Kirche, der Dachstuhl brannte, und furchtbar schön ward der Kirchthurm zu einer feuerigen Pyramide. Der Glokenstuhl brannte, die Gloke schmolz, die Sparren krachten, und bald stürzten die Dächer des Thurmes und der Kirche zusammen. Am folgenden Morgen war die Kirche ausgebrannt, nur die 4 Wände noch übrig, und an einer Wand innen hieng die indessen wieder erkaltete Glokenspeise, weil die Gloke wie ein Wachslicht herabgeträufelt war.

Die hierbei am Schluss erwähnte „erkaltete Glokenspeise“ führte noch zu einem gerichtlichen Nachspiel. Vor dem Brand 1810 hingen insgesamt drei Glocken aus Bronze auf dem Kirchturm. Durch die enorme Hitze des Feuers beim Brand in der Nacht des 27.12. schmolz das Glockenmaterial und lief als flüssige Masse an den Innenwänden des Turmes nach unten, wo es am nächsten Tag in Form von erstarrten Bronzeklumpen am Boden und an den Wänden klebte. Am 31. Januar 1811 wurde dann auf dem Rathaus zur Anzeige gebracht, dass zwei Buben mit einer Leiter in der Kirchenruine hochgestiegen seien und „Glockenzeug“ hinweggenommen hätten, und dass eine Mutter dieses an den Horkheimer Juden Samuel Mayer verkauft habe. Das örtliche Gericht hat daraufhin die Untersuchung aufgenommen und den Fall genauestens untersucht. Zunächst wurde der 12jährige Gottfried Plieninger befragt, das war der angeheiratete Sohn des Gottfried Wagners und dessen Ehefrau Christina Elisabetha. Erst nachdem man ihm „Hosenspanne“ angedroht hatte, gab er sechs weitere Namen preis und sagte aus, dass sie das Glockenzeug von der Schule mit nach Hause gebracht hätten. Nach und nach wurden alle Beteiligte befragt, auch die Eltern der Buben und die Horkheimer Aufkäufer der Ware, die drei Schutzjuden Samuel Mayer, Samuel Hirsch und Nathan Moses.

 

Elisabeth Wagner leugnete den Verkauf nicht, meinte aber, dass sie dachte dass alles, was noch brauchbar war, bereits hinweggeführt worden sei. Was an Glockenmaterial noch auffindbar war, musste nun aufs Rathaus zurückgebracht werden, ebenso das Geld aus dem Verkaufserlös. Der Jude Nathan Moses hatte sein Bronzeteile allerdings schon an den Schnallenmacher in Böckingen weiterverkauft. Zudem erhielten alle Beteiligte eine Geldstrafe. Elisabetha Wagner musste als Haupttäterin 2 Weiberfrevel zu à 3 Gulden bezahlen und 2/3 der Gerichtskosten übernehmen. Die Tat galt als Diebstahl und konnte von der Obrigkeit nicht hingenommen werden.

 

Am Ende seines Berichtes kommt Titot noch einmal auf die Magd aus Nordheim zu sprechen. Vater und Sohn Titot nahmen die Magd samt ihrer Mutter mit nach Heilbronn, wo die alte, nun obdachlose Mutter den Winter über bleiben konnte. Da von einem Vater bzw. Ehemann nicht die Rede war ist anzunehmen, dass es sich bei besagter Mutter um eine Witwe handelte. In der Liste der Brandgeschädigten kommen zwei Witwen vor, so dass man die Herkunft dieser Titot - Magd zumindest vermuten kann. Vieles spricht dafür, dass es sich bei der Magd um die damals erst 14jährige Catharina Müller handelt. Ihr Elternhaus war ein kleines Häuschen direkt hinter der Kirche (Brandkarte Nr. 29).

Bei der Brandkatastrophe brannten insgesamt die Kirche, 22 Wohnhäuser und 20 Scheunen ab. 16 weitere Gebäude wurden unterschiedlich stark beschädigt. 25 Familien hatten direkt nach Weihnachten und mitten im Winter plötzlich kein Dach mehr über dem Kopf. Dazu gehörte wohl auch die Familie der Titot - Magd Catharina. Ihr Vater Johann Philipp Müller, ein Weingärtner, war bereits 1796 mit 49 Jahren am Gallen- und Nervenfieber gestorben. Ihre Mutter starb im Oktober 1811, ein Jahr nach dem Ortsbrand, erst 59 jährig an Auszehrung. 1837 heiratete Catharina Müller im Alter von 41 Jahren in Heilbronn den „Kärcher“ (Fuhrmann) und Witwer Johann Georg Strauß. Er hatte zwei Buben im Alter von 12 und 14 Jahren, seine Frau war anfangs 1837 gestorben. Bereits nach sieben Jahre Ehe wurde Catharina Strauß geb. Müller Witwe, ihr Mann starb 1844 an einem Schlaganfall mit erst 50 Jahren.

 

Zum Brand 1810 kann ergänzend noch berichtet werden, dass außer König Friedrich sowie Vater und Sohn Titot noch die Anwesenheit einer weiteren Persönlichkeit in einer anderen Quelle überliefert ist: Der Heilbronner Anwalt und Dichter Heinrich Hoser, geboren 1777 in Nordheim als Sohn des damaligen Ortspfarrers Christian Eberhard Hoser. Heinrich Hoser war etwa ab 1800 Anwalt in Heilbronn sowie auch maßgeblicher Mitbegründer der „Harmonie-Gesellschaft“. In der Zeitschrift des Zabergäuvereins von 1904, Heft II, S. 27 wird berichtet, dass Heinrich Hoser an den Brandort geeilt sei und er beteiligte sich mutig und tapfer an den Lösch- und Rettungsarbeiten, so daß ihm König Wilhelm die silberne Medaille als Anerkennung für seine erfolgreiche Beihilfe verlieh. (König Wilhelm I. folgte 1816 auf Friedrich I).

Über den Ortsbrand und den Wiederaufbau wurde schon mehrfach berichtet. Dieser Titot-Bericht bringt aber noch einmal einen anderen Blick auf die Ereignisse von damals, vor allem die Information, dass König Friedrich I. von Württemberg in Nordheim am Brandort war, ist neu und höchst bemerkenswert.

                                                                                                                                 Ulrich Berger