Mitteilungsblatt Nordheim

Neues aus Nordheim und Nordhausen

Geschichte des Monats Juni

Erfasst von: Redaktion, DS (07.06.2019)

Die Kapelle in der Schwaigerner Straße; Vorgeschichte, Entstehung und Ende

Dass in der Schwaigerner Straße einst eine Kirche stand, im Volksmund „Kapelle“ genannt, ist nur noch älteren Einwohnern bekannt. Wie es zu dieser Kapelle und ihrer Gemeinde kam, ist eine lange und etwas komplizierte Geschichte die zurückgeht bis zum Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit der Aufklärung und des Umbruchs gab es in vielen Orten Spannungen und Unruhen aus politischen, sozialen und religiösen Gründen. In Nordheim war die Situation und Entwicklung besonders dramatisch und schwierig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Welt befand sich am Ende des 18. und anfangs des 19. Jahrhunderts im Wandel, und mit der Französischen Revolution (1789-1799) hatten sich einschneidende Veränderungen im Denken und Handeln der Menschen sowie in der politischen Landkarte Europas angebahnt. Die Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ zeigte vor allem bei der bürgerlichen Jugend in Deutschland Wirkung, man wehrte sich zunehmend gegen die ständischen Unterschiede und Bevormundung und strebte nach persönlicher und geistiger Freiheit. Nordheim war ein „Grenzdorf“ unmittelbar an der Nordgrenze Württembergs. Die Einwohnerzahl von Nordheim betrug in den Jahren um 1800 zwischen 900 und 1000 Personen (Nordhausen etwa 250). Von 1793 bis 1815 herrschte in Europa fast ununterbrochen Krieg. Kaiserliche Truppen und Franzosen rückten ab 1794 in unserer Gegend ein. Einquartierungen, Plünderungen, Durchzug von Truppen mit allen entsprechenden Folgen waren an der Tagesordnung. Schultheiß war seit 1792 Jacob Friedrich Bender. Auf der Pfarrstelle gab es in diesen Jahren häufige Wechsel, was mit der schwierigen Situation in Nordheim bzgl. der Separatisten zusammenhing, die es dem jeweiligen Pfarrer nicht leicht machten. Zwischen 1780 und 1820 entstanden an vielen verschiedenen Orten in Württemberg Gruppierungen und Strömungen, die z.T. großen Einfluss auf die soziale und religiöse Entwicklung und Einstellung der Bevölkerung nahm. Vor allem sind hier die Pietisten und deren radikale Vertreter, die Separatisten, zu nennen.

Die meisten radikalen Separatisten waren davon überzeugt, dass wahres Christentum nur außerhalb der verfassten Kirche gelebt werden könne. Deshalb blieben sie den Gottesdiensten und Abendmahlsfeiern fern. Sie verweigerten die Taufe und Konfirmation ihrer Kinder und hielten diese sogar von der Schule fern, denn die Schule war damals noch eine Einrichtung der Kirche. Außerdem lehnten die radikalen Pietisten die Eidesleistung und den Militärdienst ab. Ab 1800 sprachen in Nordheim einige einzelne radikale Gläubige der Kirche das Recht ab, die allein heilbringende Lehre zu verbreiten. Sie vertraten die Meinung, jeder Gläubige sei selbst Priester und könne die Bibel eigenständig lesen und auslegen. Die Taufe ihrer Kinder nahmen sie selbst vor und sie ließen sie nicht mehr konfirmieren. Außerdem nahmen sie den Hut nicht mehr ab vor Höherstehenden und duzten jedermann. Das war der Beginn der separatistischen Bewegung in Nordheim, die weit über Nordheim hinaus Kreise zog und Auswirkungen hatte. Zunächst bestand die Nordheimer Gruppe der Separatisten aus dem Obermüller Christoph Greulich, dem Schuhmacher Peter Häffelen (Häfele) und Georg Mindling. Letzterer war ein abgedankter Soldat und stammte aus Schwaigern.

 

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es mehrere Jahre mit Wetterkapriolen und Missernten. Die Folgen waren Teuerung, Nahrungsmittelknappheit, Hungerjahre und Arbeitslosigkeit. Viele Menschen waren auf der Suche nach ihrem Seelenheil. Sie beschäftigten sich mit den Gedanken und Schriften von Michael Hahn oder lasen in den Predigtbüchern von Oetinger oder Kapff. Ab 1839 wird erstmals eine feste Gruppe mit etwa 22 Mitgliedern erwähnt, die als „Michelianer“ bezeichnet wird, das sind Anhänger der Lehre von Michael Hahn (1758-1819), einem Bauernsohn aus Altdorf in der Nähe von Böblingen (nicht zu verwechseln mit dem Pfarrer und als „Uhrmacher Gottes“ bezeichneten Philipp Matthäus Hahn!). Auf diesen Michael Hahn geht die Michael Hahn’sche Gemeinschaft zurück, die heute noch existiert. Sie ist eine

Versammlungsbewegung evangelischer Christen, die aus dem schwäbischen Pietismus heraus entstanden ist. 1855 beschreibt Pfarrer Goez über die Nordheimer Michelianer so (Auszug):

„Es besteht eine Gruppe von Michelianern, deren Zahl sich zwischen 30 und 40 bewegt. Ihre Versammlungen finden Sonntag und Mittwoch Abend statt: dieselben werden je mit Gesang und Gebet eröffnet und geschlossen; zur Vorlesung und Betrachtung werden vorzugsweise die Schriften von Michael Hahn benützt, zuweilen auch die Predigtbücher von Oetinger und Kapff; nach beendigter Vorlesung steht es jedem Mitglied frei, das Wort zu nehmen und das Gelesene zu betrachten. Vorstand der Gemeinschaft, in dessen Hause die Zusammenkünfte gehalten werden, ist Friedrich Bechtold, ledig, Bürger und Bauer, auch Kirchenältester, ein verständiger und unbescholtener Mann. Mehrere Mitglieder der Gemeinschaft huldigen grundsätzlich dem Zölibat und zwar aus der Besorgnis dass durch die eheliche Liebe der Liebe zu Gott und Christo Abbruch geschehen möchte; im Übrigen stehen sie durchaus auf gutem evangelischen Grund und Boden“.

 

Eine weitaus schwierigere Situation für die örtliche Kirchengemeinde und ihren Pfarrer entstand ab 1859, als amerikanische Missionare eines Zweiges der Methodistenkirche in Württemberg ihre Tätigkeit auch in Nordheim aufnahmen. Ihre Versammlungen waren im Schulhaus und nach Einspruch des Pfarrers der Evangelischen Landeskirche in der oberen Mühle bei Müller Trefz abgehalten worden. Pfarrer Goez und Schultheiß Kayser wollten deren Prediger Wollpert derartige Versammlung durch ein Schreiben vom 15.2.1860 untersagen. Dieser antwortete, dass er auf

Verlangen und Einladung eine Privatversammlung gehalten habe, „welche Freiheit, soviel ich weiß, einem jeglichen Hausbesitzer offen steht.“ Unter seine Unterschrift schrieb er die Bemerkung: „Reiseprediger, nicht der Methodistenkirche, sondern der Evangelischen Gemeinschaft“.

Die Missionare dieser Gemeinschaft erklärten der obersten Kirchenverwaltung anfangs schriftlich und mündlich, „keine eigene Kirche gründen, kein Abendmahl austeilen und keine Klassenversammlungen halten zu wollen“. Das mag zwar zunächst tatsächlich beste Absicht gewesen sein, die Praxis entwickelte sich allerdings anders. Im Pfarrbericht 1861 schreibt Pfarrer Goez (Auszug):

 

Neben diesen Michelianern oder vielmehr im Gegensatz gegen dieselben hat sich eine Methodisten Secte durch den in Stuttgart wohnhaften „Missionar“ Link constituiert. Derselbe kommt alle 3-4 Wochen hierher oder schickt seine Helfershelfer, hält in der oberen Mühle unter großem Zulauf bes. v. Seiten des weibl. Geschlechts.......usw.

 

Zwei Jahre später (1863) schreibt er im Pfarrbericht unter „Besonderheiten auf religiösem Gebiet“: Methodisten; deren Stifter und Haupt ist der in Stuttgart wohnhafte amerikanische Missionar J.C.Link welchem es durch allerlei Ränke gelungen ist ein eigenes Bethaus zu gründen welches 6.April d.J. unter großem Zulauf von nah und fern eingeweiht wurde. Er selbst kommt alle 3 Wochen hierher, dazwischen hinein der eine oder andere seiner Adjudanten, ein Soldat Erdle von Nattheim OA Heidenheim, ein gewisser Schnaz, Wolpert von Plochingen um Vorträge zu halten. Außerdem finden in gedachtem Lokal regelmäßige Versammlungen je Sonntags und Mittwochs statt, in welchen als Sprecher auftreten Johannes Frank, B. und Gärtner dahier u. Christian Heinrich Müller, Bürger u. Schuhmachermeister von hier. Die Gesamtzahl der Anhänger Link’s hauptsächlich dem weiblichen Geschlechte der Ortsbevölkerung angehörig, mag sich auf 50 Personen belaufen, die sich der Kirche mehr und mehr entfernen.

 

1862 kauften Johannes Frank und Christian Schmutz von Philipp Lehmann in der Schwaigerner Straße je zur Hälfte ein Wohnhaus mit angebauter Scheune. Mit dem Umbau der Scheune in einen Betsaal (später „Kapelle“ genannt) entstand 1862/63in Nordheim der Mittelpunkt der missionarischen Arbeit der „Missionsgesellschaft der evangelischen Association in Nordamerika“ im württembergischen Unterland. Das Wohnhaus neben dem Betsaal diente in den ersten Jahren als Wohnung für den Missionar (Prediger), es wurde aber bereits im Jahr 1878 wieder verkauft und der Pregigersitz nach Güglingen verlegt. Noch im Jahr des Umbaus der Scheune (1863)

gab eine Abendmahlsfeier in diesem Bethaus der Württembergischen Landeskirche Anlass, dieses Verhalten kirchenrechtlich zu überprüfen. Ein Synodalerlass stellte dann 1864 fest, dass eine Teilnahme an methodistischen Abendmahlsfeiern als Austritt aus der Landeskirche anzusehen sei. Erst im Jahre 1987 (!) stimmte die Evangelische Landeskirche in ihrer Synode einer Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft mit der Evangelisch-methodistischen Kirche zu. Eine Annäherung der beiden Kirchen hatte sich aber schon lange vorher entwickelt.

 

Insgesamt bestand diese Nordheimer Gemeinde der „Evangelischen Gemeinschaft“, die sich 1968 mit der Methodistenkirche vereinigte und danach Evangelisch-methodistische Kirche hieß, über 100 Jahre. Zeitweise hatte sie einen gemischten Chor, einen Posaunenchor sowie eine Sonntagsschule (= Kinderkirche). Auf Grund des Rückgangs der Mitgliederzahlen entschloss sich die Kirchenleitung 1976, die Arbeit in Nordheim einzustellen und das Gebäude zu verkaufen, was 1977 dann erfolgte. Die verbliebenen

Kirchenmitglieder besuchten danach zunächst die Gottesdienste in Böckingen.

Inzwischen wurde diese Gemeinde auch aufgelöst und mit der Evangelisch-methodistischen Kirche in Frankenbach verbunden.

 

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass in der Nordheimer Dorfgemeinschaft im 19. Jahrhundert viel Bewegung und Unruhe herrschte. Nachdem sich die

Entwicklung um die

Separatisten beruhigt hatte,  bildeten sich etwa in der Mitte des 19. Jahr-hunderts zwei Gruppierungen: Eine Gruppe, die sogenannten Michelianer, etablierten sich innerhalb der Kirchengemeinde im Einvernehmen mit dem Ortspfarrer.

Später nannte man diese Gruppe „Altpietisten“. Die von methodistischen Missionaren gegründete andere Gruppe, die „Evangelischen Gemeinschaft“, spaltete sich allerdings von der Kirchengemeinde ab. Ihre verbliebenen Mitglieder gehören heute der Evangelisch-methodistischen Kirche an.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ulrich Berger