Mitteilungsblatt Nordheim

Neues aus Nordheim und Nordhausen

Geschichte des Monats April

Erfasst von: Redaktion, DS (06.05.2019)

Spuren der Entwicklung unseres Dorfes Teil 2

Die Markung und ihre Bewirtschaftung, Verkehrsverbindungen, das Dorf

Wie hat das alte Nordheim einst ausgesehen? Was wurde von früher überliefert? Bei Karten, Plänen oder Ansichten stammt die älteste Abbildung aus der Zeit um 1685 aus dem Lagerbuch des Stromberg-Fortes von Andreas Kieser. Dazu gehören eine Kartendarstellung sowie eine realitätsähnliche Ortsansicht. Die Ortsansicht ist genordet, d.h. Norden liegt im Bild unten.

 

Zu erkennen ist unten der Landturm, in der Mitte der Kirchturm und das Glockentürmchen auf dem Rathaus. Der Weg zum Nordheimer Landturm wurde auch als „Grasiger Weg“ bezeichnet und ist heute die Klimmerdinger Straße (Klemmerte). Er war ein uralter, wichtiger Verbindungsweg und führte südwärts nach Hausen, Meimsheim, Bönnigheim, Bietigheim, Stuttgart und weiter über Esslingen nach Ulm an die Donau. Richtung Norden führte er zum Landturm und von dort nach Heilbronn oder Kirchhausen und Wimpfen bzw. Richtung Heidelberg. Vermutlich benutzten schon die Römer diese Verbindung vom Zabergäu her zu ihren Stützpunkten in Böckingen und Wimpfen. Die Frage, weshalb dieser Weg nicht mitten ins Zentrum von Nordheim führte bzw. sich Nordheim nicht entlang oder um diesen Weg entwickelt hat, kann heute nicht mehr beantwortet werden. Den ehemaligen „Grasigen Weg“ (= Klimmerdinger Straße) könnte man auch als erste Umgehungsstraße von Nordheim bezeichnen, da er an der Ostgrenze des Ortes vorbeiführte. Um das Dorf herum führte der Dorfgraben, eine Abgrenzung je nach Geländebeschaffenheit aus Graben und Gestrüpp bzw. Buschwerk. Das Dorf selbst hatte

 

zwei Tore: Das Untere Tor mit einem „Torhäuschen, da der Hirt drin wohnt“. Es befand sich an der Stelle, wo die Kirchstraße von der Hauptstraße abzweigt, und das Obere Tor in der Kelterstraße, etwa auf Höhe des Kindergartens Hauptstraße. Die Mitte des Ortes lag in dem Dreieck zwischen Kirche, Rathaus und Hohem Haus (Kelterstraße 29).

Die Verbindung zu den Nachbarorten führte vor Jahrhunderten nur über Nachbarschaftswege wie: Hausener Weg, Lauffener Weg, Großgartacher Weg, Schluchterner Weg usw. Eine Straße nach Heilbronn gab es erst mit dem Bau der „Zabergäuchaussee“ um 1817/18. Davor musste man über den „Grasigen Weg“ (heute „Klimmerdingen“) bis zum Landturm auf der Höhe zwischen Nordheim und Großgartach und von dort führte die Straße durch Großgartach nach Heilbronn. Der Weg nach Lauffen wurde um 1840 als Straße ausgebaut, die Straße nach Großgartach 1852-1857 und die nach Neipperg erst 1911/12.

Bereits im 8. Jahrhundert setzte sich unter fränkischem Einfluss die Dreifelderwirtschaft durch, bei der die gesamte Ackerfläche eines Dorfes in drei Zelgen (Großflächen) eingeteilt wurde, die jeweils eine Bewirtschaftungseinheit aus etlichen Parzellen bildete. Innerhalb der jeweiligen Zelge herrschte Flurzwang. Jeder Bewirtschafter seines Teils der Zelge musste sich an die vereinbarten Aussaat-, Bearbeitungs- und Erntetermine halten, damit Flurschäden vermieden wurden, da innerhalb der zugeteilten Parzelle der Zelge keine Feldwege bestanden. Auch das Erbrecht beeinflusste die Struktur der Flur. Durch die Realerbteilung waren die Parzellen immer kleiner geworden. Viele Parzellen waren nicht mehr an Wege angebunden und somit nicht ohne Überfahren fremder Grundstücke erreichbar. Jeder Bewirtschafter musste deshalb Einschränkungen auf sich nehmen, so z.B. das Trepprecht, das (Pflug)wende- oder Kehrrecht etc., damit die Felder bis an den Rand bewirtschaftet werden konnten. Vor der Aussaat und nach der Ernte wurde der Ackerboden der Zelge wieder gemeinsam genutzt.

 

Die Nordheimer Markung wurde in die Zelge gegen Heilbronn, gegen Brackenheim (oder Hausen) und gegen Gartach (Großgartach) eingeteilt. Diese drei Zelgen wurden jeweils abwechselnd mit Sommer- und Wintergetreide bebaut und anschließend lagen sie ein Jahr lang brach. Während der Brache wurde der Boden dieser Zelge nicht bearbeitet, den natürlichen Aufwuchs nutzte man als Weide. In der Regel hat man im Herbst gepflügt und ein Wintergetreide ausgesät (Winterweizen, Winterroggen, Wintergerste). Das überdauerte den Winter und wurde im folgenden Spätsommer geerntet. Nach nochmaligem Pflügen und entsprechender Bodenbearbeitung bis zum Frühjahr (zur Unkrautbekämpfung) wurde ein Sommergetreide (Sommergerste, Hafer) ausgesät, das wiederum im Spätsommer geerntet wurde. Bis zum nächsten Herbst wurde die Fläche sich selbst überlassen und begrünte sich von alleine. Jeder Bauer des Ortes besaß ursprünglich auf jeder dieser drei Zelgen einen etwa gleich großen Anteil an der Ackerfläche (Gewanne), wodurch ein etwa gleich hoher Ertrag von jeder Fruchtart pro Jahr grundsätzlich gewährleistet werden sollte. Auch die Pfarrei hatte Besitz in jeder der drei Zelgen, wie der Eintrag im Pfarrlagerbuch von 1570 zeigt:

 

Die Pfarr Northeim hatt denn grosen Zehenden unnd waß demselben anhangt vonn denn Widumbgüettern inn dreyen unterschiedlichen Zelgen und Eschen gelegen, namblich in der Zelg gegen Hailpronn usser fünffzig Morgen vierthalb Vierthel ungefährlich Ackers, und dann inn der Zelg gegen Garttach von fünffzig fünff Morgen drey Vierttel Ackers, volgendts inn der Zelg Haußen außer unnd ab sibenzig und dritthalb Morgen Ackers…

Ein relativ genauer Ortsplan stammt vom Corps des Guides aus der Zeit um 1765. Auf diesem Plan sind vor allem bei Ausschnittvergrößerungen viele Details zu erkennen. Im Nordwesten das Schafhaus, Schießhaus und das Armenhaus, im Osten der Friedhof. Dann das obere und das untere Tor, die ummauerte Kirche, der Kapellenbrunnen, die obere und die untere Mühle, verschiedene Gassen und Wege usw.

 

 

 

Mit Hilfe dieser Karte sowie alter Steuerbücher (ab 1709) und Kaufbücher (ab 1677) sowie der Brandkarte von 1810 und der Karte der ersten Landesvermessung (Primärkarte von 1835) lassen sich einige interessante Aussagen zum Aufbau unseres Dorfes in früheren Jahrhunderten machen. Der Kernort war nicht ummauert, aber mit einem Dorfgraben und Dorfzaun umgeben. Die Kirche mit dem „Kirchof“ (Friedhof) war von einer Ringmauer umgeben. Um 1574 wurde der Friedhof nach Osten außerhalb des Dorfes am Weg zur Mühle verlegt. Straßennamen und Hausnummern gab es früher nicht. Zur Lagebezeichnung wurden die Angrenzer und die Groblage genannt, z.B. oben im Dorf, unten im Dorf, mitten im Dorf, untere Gasse, obere oder innere Gasse, Entengasse, ob der Kirche, vor dem unteren Tor. In den Steuer- und Güterbüchern wurde die Lage des Hauses verbal beschrieben, z.B.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Anm.: Der Begriff Hofraithung bedeutet die Freifläche um das Haus, die man später einfach nur Hof nannte.)

Mit diesen ungenauen Angaben ist es heute ziemlich schwierig, die genaue Lage eines Gebäudes zu bestimmen, zumal die allermeisten Häuser heute völlig von der Form, Bauweise und Position früherer Jahrhunderte abweichen. Dennoch ist es eine Überlegung wert, wie Nordheim sich ab etwa dem 16. Jahrhundert entwickelt haben könnte. Auf einer Steuerliste von 1471, also noch im 15. Jahrhundert, wird von 54 Haushaltsvorständen oder Bürgern in Nordheim gesprochen, was etwa 220 Einwohner bedeutet. Im Jahr 1525 sind es dann bis zu 350 Einwohner, die etwa 75 Gebäude besaßen. Bei den Gebäuden dieser Zeit muss man sich einfachste, meist kleine Häuschen vorstellen. Oft wohnten mehrere Familien oder „Parteien“ unter einem Dach und es gab häufig Teilbesitz an einem Haus, was das Zusammenleben der Menschen erschwerte. Es ist aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, wo hier die Grenzen gezogen waren bei fünf Sechstel an einem Drittel Haus usw. Die Küche oder der Abort wurde gemeinsam genutzt, und selten besaß jemand eine ganze Scheune. Die Ursache für diese Zersplitterung lag in der in Württemberg üblichen Realerbteilung, wo unabhängig vom Geschlecht alles in so viel Teile zerpflückt wurde wie Erben vorhanden waren. So wurde bei drei Erben für ein Haus eben ein Drittelhaus, beim nächsten Erbgang u.U. dann ein Sechstelhaus. Konnte man die vorhandenen Grundstücke nicht im Ganzen verteilen, wurden sie ebenfalls zerstückelt in oft nur handtuchbreite Streifen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rechenkunst der Schreiber von damals muss man bewundern, allerdings wurden sie für ihre aufwändige Arbeit auch gut bezahlt. Ob die Beteiligten immer alles nachvollziehen konnten und verstanden, sei dahingestellt.

                                                                                                                                  Ulrich Berger

 

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