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„Geschichte“ des Monats Februar:

Erfasst von: Redaktion, DS (04.02.2019)

Tragischer Pfingstausflug - Nordheimer Pfarrer Dr. Alfred Hoffmann am 5.6.1911 gestorben

 

Am Pfingstmontag, den 5. Juni 1911 unternahm eine Gruppe junger Männer des Nordheimer Jünglingsvereins zusammen mit ihrem Vereinsvorstand, dem Nordheimer Pfarrer Dr. Alfred Hoffmann, einen Ausflug nach Löwenstein. Zuvor hielt Pfarrer Hoffmann noch den Pfingstmontagsgottesdienst, wo er über Hesekiel 36, Vers 26f. predigte. Der Weg führte nach Heilbronn (ob mit dem Zug ist unklar) und über das Jägerhaus durch den Wald in Richtung Löwenstein. Am Nachmittag wollte man vom unterhalb Löwenstein gelegenen Teusserbad (285m) hinaufsteigen zu dem höher gelegenen Städtchen (353m) mit seiner mittelalterlichen Stadtmauer, seinen historischen Fachwerkhäusern und dem Turm der fast tausendjährigen Burg.

 

 Karte von 1902, Löwenstein und Teusserbad

 

Doch kurz bevor das Ziel erreicht war, geschah  etwas Schreckliches: Beim steilen Aufstieg vom Teusserbad nach Löwenstein nachmittags um 2 Uhr war Pfarrer Hoffmann auf den oberen Stufen der Badstaffel plötzlich lautlos umgesunken. Der überall beliebte Pfarrer und dreifache Familienvater hatte im Alter von erst 45 Jahren einen Herzschlag erlitten und war auf der Stelle tot. Für die jungen Ausflügler aus Nordheim musste das ein furchtbarer Schock gewesen sein. Man brachte den Verstorbenen in das Pfarrhaus nach Löwenstein, von wo aus er am nächsten Tag nach Nordheim überführt und im Pfarrhaus aufgebahrt wurde.

Bereits einen Tag später, am 7.6.1911, fand unter großer Anteilnahme und mit vielen Reden und Beileidsbekundungen die Trauerfeier im Trauerhaus, in der Kirche und auf dem Friedhof statt. Bei den Ansprachen wurden der Lebensweg und die Person von Pfarrer Dr. Alfred Hoffmann beschrieben. In einer Erinnerungsschrift an Pfarrer Dr. Alfred Hoffmann sind alle Ansprachen, Predigten und Grußworte in gedruckter Form erhalten. In Auszügen soll darüber hier berichtet werden:

 

Pfarrhaus:

Im Pfarrhaus hielt Stadtpfarrer Mehl aus Stuttgart, der Bruder seiner Mutter und somit der Onkel des Verstorbenen, vor allem für die Familie und die nächsten Angehörigen eine Hausandacht. Dabei sprach er der Gattin Hedwig, die seit 16 Jahren mit Alfred Hoffmann verheiratet war, den Kindern Max (7), Elisabeth (12) und Hedwig (14 Jahre alt) sowie der derzeit in Nordheim weilenden Mutter herzlichen Trost und Anteilnahme zu.

 

Kirche:

Nach dieser Hausandacht versammelte sich eine große Trauergemeinde in der Bartholomäuskirche zu einem Trauergottesdienst. Die Predigt wurde von Dekan Paul Metzger aus Brackenheim gehalten. Auch er sprach zuallererst die Ehefrau, die Kinder, die Mutter sowie die Schwester des so plötzlich und völlig unerwartet verstorbenen Gatten, Vater, Sohn und Bruder an. Er betont auch, was für ein besonderer Mensch und Pfarrer Alfred Hoffmann war, der die Gemeinde nun verlassen hat: „Dass ihr einen Denker und Gelehrten zum Pfarrer hattet, ist euch wohl aus seinen Predigten immer wieder entgegengetreten; aber dass ihr zugleich einen Mann der Liebe hattet, der es mit euch herzlich wohl meinte….das habt ihr empfunden am Ton seiner Stimme, am Blick seiner Augen, am Druck seiner Hand, aus seinem ganzen frischen und freudigen Gebaren“. Die Predigt des Dekans war sehr umfangreich (über 7 Seiten A5) und dauerte vermutlich ziemlich lange.

 

Über dem Alter befand sich die Kanzel.

 

Von dort aus wurde die Predigt gehalten.

 

 

 

Der nächste Redner war Pfarrer Rudolf Zeller aus Böckingen, ein Kollege und Freund des Entschlafenen. Er hielt auch schon vor 1½ Jahren bei der Amtseinsetzung von Pfarrer Hoffmann am 19.12. an gleicher Stelle eine Ansprache. Zeller beschrieb in seiner Rede den Lebenslauf des Verstorbenen und berichtete dabei über viele interessante Stationen und Details aus dem Leben von Alfred Hoffmann:

Alfred Theodor Hoffmann ist am 11. Oktober 1865 in Wien geboren. Sein Vater war der Architekt und Oberingenieur Theodor Hoffmann, Erbauer des Wiener Nordbahnhofs. Die Mutter Marie geb. Mehl war die Tochter des Stadtdekans Mehl aus Stuttgart. Der Vater ließ sich mit Rücksicht auf die Erziehung und Ausbildung der Kinder 1876 pensionieren und die Familie zog danach nach Stuttgart, wo Alfred Hoffmann das Gymnasium besuchte. Die Studienzeit verbrachte er in Tübingen. Zeller beschreibt Alfred Hoffmann als einen Mann mit Humor, mit starkem Willen und scharfem Urteil. Seine Doktorarbeit schrieb er über Schopenhauer. Im Laufe der Jahre veröffentlichte er eine Reihe von Aufsätzen in verschiedenen Zeitschriften und er schrieb einige Bücher.

 

Dr. Alfred Hoffmann

 

 

Im Frühjahr 1888 legte er die erste Dienstprüfung ab. Danach war er als Geistlicher an verschiedenen Stellen tätig (Wain, Untertürkheim, Plochingen, Teinach und Zuffenhausen), bis er 1895 seine erste ständige Stelle in Gruibingen bei Göppingen erhielt. Im gleichen Jahr heiratete er seine Frau Hedwig geborene Käferle aus Stuttgart. In dieser Gemeinde, an der sein Herz hing, wurden auch die drei Kinder Hede (Hedwig, 1897), Elly (Elisabet, 1899) und Max (Max Paul Theodor, 1903) geboren. Nach einigen Jahren in dieser ruhigen, eher abgeschiedenen Albgemeinde stand ein Wechsel an, auch in Sorge um das Wohl und die Ausbildung der Kinder. So veränderte sich Alfred Hoffmann im Dezember1909 nach Nordheim ins Unterland, wo die Industrie bereits Fuß gefasst hatte und wo auch ganz andere Strukturen in der Landwirtschaft herrschten. Der Gottesdienst zur Investitur fand am 19.12. statt. Die Familie lebte im Pfarrhaus gegenüber der Kirche, und schnell hatte sich der neue Pfarrer die Zuneigung und Verehrung in der Gemeinde und der Schule erworben. In einem Aufsatz über die Standespflicht des ev. Geistlichen brachte er sein Amtsverständnis so zum Ausdruck: „Wer in diesem Stand als Mensch unter Menschen weise wandelt, sie von der rechten Seite kennenlernt, sie am rechten Punkt anfasst, sich ihnen zur rechten Zeit aufschließt, hilft wenigstens an seinem Teil dazu, dass, wenn der religiöse Funke einschlägt, die Leitung zwischen Ständen, Besitz- und Berufskreisen nicht durch Misstrauen und gegenseitige Verständnislosigkeit ganz und gar unterbrochen sei“. Seine Predigten waren schlicht und klar, ohne rednerisches Beiwerk, aber mit religiöser Tiefe.

 

Dieser Ansprache folgte das Schlussgebet durch Pfarrer Albert Theurer aus der Nachbargemeinde Nordhausen mit Worten des Trostes und der Hoffnung, gerichtet an die Angehörigen und an die nun verwaiste Gemeinde. Damit war die Trauerfeier in der Kirche beendet und der Trauerzug bewegte sich zum Friedhof an der Bahnhofstraße.

 

Friedhof:

Auf dem Friedhof folgten nach der Einsegnung durch Pfarrer Gottlieb Willi Auer aus Meimsheim viele Ansprachen, Grußworte und Kranzniederlegungen. Den Anfang machte Schultheiß Heinrich. Im Namen der Kirchengemeinde und der bürgerlichen Gemeinde sprach er dem Verstorbenen tiefsten Dank für seine hier geleistete Arbeit aus und legte einen Kranz an seinem Grab nieder.

Danach folgte das Grußwort von Oberlehrer Gotthilf Hahn, der für die Schule sprach. Die große Wertschätzung der Lehrer dem Verstorbenen gegenüber brachte Hahn so zum Ausdruck: „Das weise und besonnene Urteil, der liebevolle, menschenfreundliche, friedliebende Sinn des Verstorbenen hat uns Lehrer erfüllt mit Achtung, Liebe und Vertrauen zu ihm, so dass es uns eine Freude war, mit ihm arbeiten zu dürfen.“ Als Zeichen der Liebe und des Dankes legte Hahn einen Kranz nieder.

Für die Geistlichen des Bezirks legte nun der Diözesanvereinsvorstand Pfarrer Friedrich Lörcher aus Cleebronn einen Kranz am Grabe nieder .In seiner Ansprache betonte er die liebenswürdige, offene Art des Entschlafenen, dem vor 1½ der Ruf großer Gelehrsamkeit vorausgeeilt sei. Aber alle Befürchtungen, mit dem hochgebildeten Pfarrer Dr. Hoffmann auf ein weltfremdes Wesen oder eine selbstgefällige Person zu treffen, seien haltlos gewesen. Hoffmann habe dadurch überzeugt, dass er niemand die Überlegenheit seines Wissens spüren ließ und gerne bereit war, jedem mit seinem Wissen zu dienen.

Die nächste Kranzniederlegung und Rede erfolgte durch den Bundessekretär Ruff vom Süddeutschen Ev. Jünglingsbund. Er betonte, mit wieviel Liebe und Hingebung der Entschlafene der Jünglings-Vereins-Arbeit seine Zeit und Kraft gewidmet habe.

Mit kurzen Worten folgte darauf eine Kranzniederlegung der Verbindung „Igel“ von der Universität Tübingen.

Danach überbrachte Pfarrer Schmoll aus Gruibingen dem Verstorbenen einen letzten Gruß aus dessen ehemaligen Pfarrgemeinde.

Pfarrer Huber aus Rutesheim sprach nun einen Nachruf im Namen der älteren Freunde. In einem Satz seiner Rede charakterisiert er den Freund Hoffmann so: „Klar und tief in das äußere Geschehen in der Welt und in die Menschenherzen hineinsehen, gerecht und liebevoll darüber reden, das ist ein Stück seines Lebens gewesen, an dem er uns teilnehmen ließ.“

Den letzten Kranz bei dieser Beerdigung legte schließlich ein Vertreter des Jünglingsvereins Nordheim am Grabe von Pfarrer Dr. Alfred Hoffmann als Zeichen der Dankbarkeit nieder, verbunden mit einem „Ruhe sanft!“

Gedruckte Trauerreden

 

 Die musikalische Gestaltung der Trauerfeierlichkeiten übernahmen der Liederkranz in Abwechslung mit den Schülern und dem Posaunenchor. Die ungeheuer große und von Herzen kommende Beteiligung an der Trauerfeier zeigte, wie viel Achtung und Liebe der Verstorbene sich in so kurzer Zeit in Nordheim erworben hatte. Die Teilnahme vieler auswärtiger Freunde, Kollegen und anderen Leidtragenden bewies, welche Wertschätzung Alfred Hoffmann weit über Nordheim hinaus genossen hatte.

Als Nachfolger von Pfarrer Hoffmann kam im Dezember 1911 Pfarrer Paul Roth nach Nordheim. Er war in zweiter Ehe verheiratet, und von insgesamt 12 Kindern waren noch sieben am Leben. Auch von diesem Pfarrer musste man in Nordheim schon bald wieder Abschied nehmen, er starb am 7. Juli 1913 im Alter von knapp 54 Jahren.

                                                                                                                                 

Ulrich Berger