Mitteilungsblatt Nordheim

Neues aus Nordheim und Nordhausen

„Geschichte“ des Monats Januar:

Erfasst von: Büchele, Birgit (07.01.2019)

Unser Rathaus und die Geschichte seiner Umgebung

 

Die Verwaltungsräume im Nordheimer Rathaus sind schon seit geraumer Zeit nicht mehr ausreichend und auch nicht mehr zeitgemäß, z.B. nicht barrierefrei erreichbar. Die ersten Planungen sahen einen Umbau und die Umnutzung des bestehenden Nebengebäudes vor. Nach entsprechenden Untersuchungen und Planungen kam man jedoch zu dem Entschluss, dass aufgrund der schlechten Gebäudesubstanz ein Erhalt des Gebäudes nicht mehr wirtschaftlich sei und dass ein Großteil des Gebäudes nicht sinnvoll genutzt werden könne. Der Gemeinderat beschloss daher im März 2013, das Nebengebäude zu gegebener Zeit abzubrechen und durch einen Neubau zu ersetzen.

Der Bauantrag wurde im Dezember 2017 beim Landratsamt Heilbronn eingereicht, der Abbruch des Nebengebäudes (früher Scheunen und Stall des Hofguts) begann im Mai 2018, die Fertigstellung des gesamten Baukomplexes ist bis Mitte/Ende 2020 geplant.

                                                                          Bild vom Abbruch des Nebengebäudes (4.5.2018)

 

Dieser nun derzeit entstehende Rathaus-Neubau ist der erst zweite Rathausneubau in der Geschichte Nordheims. Das historische Alte Rathaus wurde im Jahr 1593 erbaut und war insgesamt 372 Jahre Sitz der Gemeindeverwaltung. Seit 1987 ist es Ortsbücherei. Die Nebengebäude des heutigen Rathauses wurden nach dem Erwerb durch die Gemeinde zum Teil neu errichtet oder völlig umgebaut, um sie für die Verwaltung oder sonstige Zwecke (z.B. Bauhof, Feuerwehrmagazin) nutzen zu können. Der heutige Sitzungssaal war ein einfacher Schuppen, danach Waschhalle für Gemeindefahrzeuge und schließlich wurde daraus der heutige Sitzungssaal. Derzeit wird dieser Saal für Büroräume der Rathausmitarbeiter benötigt, da diese das Rathaus wegen des anstehenden Umbaus komplett räumen mussten. Das bisherige Rathausgebäude wird dann durch einen Verbindungsbau mit dem ganz neu errichteten Rathaus verbunden, innen neu gestaltet und barrierefrei erreichbar sein.

 

Historisch gesehen befindet sich der Standort dieses Neubaus genau zwischen der 1810 abgebrannten Hessischen Kelter und dem Neipperger Hofhaus bzw. dem Neipperger Platz.  Die ehemalige (neue) Hessische Kelter diente auch als „Fruchtkasten“ (Lager) für die Abgaben (Gefälle) aus Dürrenzimmern, Neipperg, Hausen und Nordhausen. Nordwestlich dieser Kelter, etwa am Zufahrtsweg zum Sitzungssaal und beim Anwesen Hieber/Brenner, stand vor dieser Zeit das zum Neipperger Hof gehörende Neipperger Hofhaus, das aber nach einer Quelle von 1718 schon damals nicht mehr existierte. Dort heißt es zum Neipperger Hof:…darauf hievor ein Haus und Scheuren gestanden damalen, nun aber ein Küchengarten darauf angelegt…

 

Große Veränderungen in unserer Ortsmitte ergaben sich durch den Ortsbrand 1810. Insgesamt fielen dem Brand 47 Gebäude zum Opfer, darunter auch die Kirche und das 1781/82 errichtete Wohnhaus von Gottfried Seybold westlich der Kirche.

 

1 = Herzogskelter (Alte Kelter, 1562)

  

2 = Neipperger Hofplatz

 

3 = Hessische Kelter (1810 abgebrannt)

 

4 = Verwalterhaus (1718 erbaut)

 

5 = (altes) Rathaus (1593 erbaut)

 

6 = Pfarrhaus (1763 erbaut)

 

7 = Kirche (1701 nach Zerstörung 
       von 1693 wieder aufgebaut, 1810
       abgebrannt)

 

8 = Backhausplatz (ab 1781/82 Seybold)

 

9 = Lemlinskelter (1810 abgebrannt)

 

Gottfried Seybold baute 1811 nicht mehr auf dem Platz seines ersten Hauses beim ehemaligen Backhausplatz westlich der Kirche, da man die Kirche größer wiederaufbauen wollte und deshalb diesen Platz benötigte. Sein neues Wohnhaus (Nr. 124) baute er an der Stelle der abgebrannten Hessischen Kelter. Die Baulinie für Wohnhaus und Scheune (124a, erbaut 1813) wurde der nördlichen Kante des Verwalterhauses angepasst. Wenige Jahre später, am 24.9.1816, starb Gottfried Seybold. Der Sohn Wilhelm übernahm 1834, ein halbes Jahr vor dem Tod seiner Mutter (sie starb am 18.11.1834), das gesamte Anwesen Nr. 124 durch Kauf. 1847 erwarb er auch noch das sogenannte Verwalterhaus (Nr. 123, auch Worms‘sches Hofhaus genannt) von Ludwig Rieß, dem Schwiegersohn von Johannes Zeller.                                                        Das worms’sche Hofhaus von 1718. Das Hofhaus
                                                                    wurde das Wohnhaus des jeweiligen Verwalters des
                                                                    Seybold’schen bzw. Marval’schen Hofgutes.

 

 

1 = Scheune und Stall Seybold (124a)

      (jetzt abgerissen, Neubau Rathaus)

 

2 = Wohnhaus Gottfried Seybold von 1811

     (ehemal. Standort Hessische Kelter,

     jetzt Rathaus-Vorplatz/Parkplatz)

 

3 = Verwalterhaus (Nr. 123, 1718 erbaut,

      abgerissen; letzte Bewohner: Adelhelm)

 

4 = (altes) Rathaus (1593)

 

5 = Pfarrhaus (1763)

 

6 = Kirche (1701 nach Zerstörung 1693

      wieder aufgebaut, 1810 abgebrannt, 1820 wieder eingeweiht)

 

7 = Alte Kelter (Herzogskelter, 1562)

 

Das derzeitige Rathaus wurde 1854 als Landhaus und Sommersitz von Wilhelm Seybold errichtet, dem Urgroßvater von Kurt von Marval. Im Sommer 1962 erwarb die Gemeinde das gesamte Seybold/von Marval’sche Anwesen mit sechs Gebäuden und Park von Kurt von Marval und baute das Landhaus zu einem Rathaus um, das am 17.9.1965 eingeweiht wurde.

 

 

Altes und neues Rathaus mit Nebengebäuden sowie Teile des Parks, Ende der 60er Jahre

 

1854 geriet Wilhelm Seybold in Konflikt mit der Gemeinde wegen des geplanten Neubaus eines Wohnhauses. Seine Planung sah vor, dass der Neubau südlich hinter dem 1811 von seinem Vater Gottfried erbauten Haus errichtet werden soll. Hier war aber im Ortsbauplan von 1810 eine Straße vorgesehen (sie würde heute mitten durch den Park führen), außerdem wollte der Gemeinderat, dass Seybold sich an die bisherige Baulinie entlang der Hauptstraße hält. Nachdem der Gemeinderat seine Zustimmung zu dem geplanten Wohnhausneubau verweigerte, wandte sich Seybold an die Königliche Regierung des Neckarkreises. Diese erteilte ihm schließlich die Bauerlaubnis.

 

  

 von Seybold / von Marval’sches Landhaus, Vorder- und Rückseite

 

Eine Beschwerde von der Gemeinde gegen diese Entscheidung wurde abgewiesen. Nun konnte der Neubau –unser heutiges Rathaus- errichtet werden. Das elterliche Haus wurde abgebrochen. Es stand da, wo heute die Parkplätze vor dem Rathaus sind, am früheren Standort der 1810 abgebrannten Hessischen Kelter. Dieses 1854/55 neu errichtete Wohnhaus wurde nun Landhaus und Sommersitz der Familie Wilhelm von Seybold, deren Hauptwohnsitz bereits seit 1849 in Stuttgart war.

 

 

Karte um 1900

Das Seybold’sche Landhaus (heutiges Rathaus) liegt deutlich weiter südlich wie das Haus, das Gottfried Seybold 1811 erbaut hatte und das Wilhelm Seybold 1854/55 durch einen Neubau ersetzte.

 

Große Veränderungen in unserer Ortsmitte geschahen früher durch Gewalteinwirkungen wie Krieg oder Brand, ohne dass die Bevölkerung einen Einfluss darauf hatte: Dreißigjähriger Krieg (1618-48), Franzoseneinfall (1693), Ortsbrand (1810) sowie Einnahme Besetzung Nordheims (1945). Die Veränderungen in den letzten Jahren waren geplant und gewollt, sie dienen der Verbesserung der Infrastruktur, der Lebens- und Wohnqualität und dem Erscheinungsbild unserer Ortsmitte. Dazu gehören z.B. Renovierung der Kirche einschließlich neuer Turmspitze, Treppe und Brunnen, der Platz für den Wochenmarkt, Sanierung von Park und Katzentalbach, Sanierung Obere Gasse/Schiff, Sanierung Hauptstraße zwischen Brenngasse und Wassergasse, Neubau Karl-Wagner-Stift, Rathaus-Nebengebäude (Alter Bauhof etc.) und schließlich noch der Rathaus-Neubau, der viele Verbesserungen nicht nur für die dort Beschäftigten, sondern auch für die Einwohnerschaft bringen wird.

                                                                                                                                               Ulrich Berger