Die Glockenstupfer

Nordheim hatte sich um 1730 gerade wieder von den Kriegen Ende des 17. Jahrhunderts erholt. Aus dem verarmten Flecken mit nur noch wenigen Einwohnern war wieder ein wachsendes Dorf mit reger Bautätigkeit geworden, obwohl auch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts öfters Kriegslärm in der Nähe zu hören war.

1734 herrschte große Unruhe durch Truppenbewegungen in Folge des Polnischen Thronfolgekrieges (1733-1738). Nach dem Tode Augusts des Starken versuchte Frankreich, seinen Kandidaten gegen den von Rußland und Österreich unterstützten Sohn Augusts des Starken, auf den polnischen Thron zu bringen.

 

Nachdem Frankreich die Festung Philippsburg erobert hatte, machte man sich in Nordheim Gedanken darüber, was getan werden könnte, um wichtige Dokumente und andere wertvolle Gegenstände zu schützen, falls Nordheim wieder direkt von den kriegerischen Auseinandersetzungen betroffen würde wie 1693, als bei der französischen Invasion die Kirche mit zwei Glocken und der Uhr sowie Pfarr- und Rathaus und 30 weitere Gebäude in Schutt und Asche gelegt wurden.

 

Das Nordheimer Pfarrlagerbuch wurde mit anderen wichtigen Dokumenten auf der Festung Hohentwiel in Sicherheit gebracht. Die Glocken der Kirche wurden "geflüchtet" und vermutlich im Neckar versenkt. Die Glocken waren so versteckt, ohne dass man sich die Mühe machen müsste, sie zu vergraben oder weitere Strecken zu transportieren.

 

Als die Gefahr wieder vorbei war und Nordheim ohne Schaden davon gekommen war, wollte man wieder die Glocken auf dem Kirchturm läuten hören, anstatt der kleinen Rathausglocke, die nur unzureichend die Aufgaben der Kirchenglocken erfüllt hatte. Die Nordheimer begaben sich an den Neckar und begannen mit Stangen nach den versenkten Glocken zu suchen. Doch so viel sie auch suchten, die Glocken kamen nicht mehr zum Vorschein. Der Neckar hatte sie mit sich fortgetragen oder im Schlamm begraben - wer weiß?! Zum Schaden mußten die Nordheimer auch noch den Spott ertragen: von da an wurden sie "die Glockenstupfer" genannt.

  

Quellen: Dr. Wolfram Angerbauer, Von der ersten urkundlichen Erwähnung bis 1800, in: Heimatbuch Nordheim und Nordhausen, 1999. Ulrich Berger / Norbert Jung, Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden - ein Betrag zur Glockengeschichte von Nordheim a.N., Nordheim 21997. Der Kirchplatz in Nordheim mit dem Glockenstupferbrunnnen von Karl-Henning Seemann

 
Der Kirchplatz in Nordheim mit dem Glockenstupferbrunnnen von Karl-Henning Seemann
Der Kirchplatz in Nordheim mit dem Glockenstupferbrunnnen von Karl-Henning Seemann