Mitteilungsblatt Nordheim

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Geschichte des Monats April

Erfasst von: Redaktion, DS (02.04.2019)

Spuren aus der Geschichte von Nordhausen: David Seybold, die „Refugies“ (franz. „Flüchtlinge“)und die Kartoffel

Einen lesenswerten Artikel aus dem 18. Jahrhundert über die erste Zeit der Waldenser bald nach Ankunft in ihrer neuen Heimat haben wir dem Professor und Hochschullehrer David Christoph Seybold zu verdanken, dem Bruder des Nordheimer Gerichtsschreibers Gottfried Seybold. Gottfried Seybold ist der Ur-Urgroßvater von Kurt von Marval, sein Bruder David Christoph Seybold ist 1747 geboren und war der älteste von 5 Geschwistern. 1780 veröffentlichte der Gelehrte, Reformpädagoge und

Schriftsteller David Christoph Seybold in der wissenschaftlichen Zeitschrift bzw. Reihe „Deutsches Museum“ in Band I, S. 468 ff. einen Artikel über die „Refugies“ im Witembergischen, hauptsächlich von der Kolonie Nordhausen im Amte Brackenheim“. Besonders interessant ist dabei die Stelle, an der er einen Brackenheimer Beamten mit einem Text vom 14.7.1700 zitiert. Die Waldenser waren zu diesem Zeitpunkt erst ca. 3 Wochen hier, ihre Ankunft war am 21./23. 6.1700. Zunächst nun die einleitenden Worte von Seybold, danach der Text des Brackenheimer Beamten. Alle Texte im Originalwortlaut:

 

Einige Nachricht von den Refugies im Wirtember-

gischen, hauptsächlich von der Kolonie Nordhausen im

Amte Brackenheim, nicht weit von Heilbron

am Neckar.

 

Die Refugies in Wirtemberg sind zwar hauptsächlich, so

viel mir bekannt ist, Waldenser aus den Thälern von Pie-

mont, z.B. Montoules, Uzean etc. Doch glaube ich,

gilt von ihnen im Ganzen eben das, was von den Refugies

aus Frankreich gilt. Sie sind gegen das Ende des 1699sten

Jahres im Wirtembergischen angekommen. Die reichsten

ließ man weiter fortziehen, vermutlich, weil man nicht gleich

entschlossen war, ob man sie aufnehmen solle, da das ganze

Land sich zur lutherischen Kirche bekennt? Doch nahm der

damals regierende Herzog, Eberhard Ludwig, einige an,

die in den Aemtern von Brackenheim, Heimsheim, Merk-

lingen und Maulbron auch zu Kantstatt, eine Stunde von

Stuttgardt, sich niedergelassen haben. Man wies ihnen

zum Unterhalt einige angebaute, hauptsächlich aber solche

Gegenden an, die noch von den Zeiten des dreißigjährigen

Krieges her öde gelegen hatten, und diese haben sie mit sol-

chem Fleisse und mit solcher Unverdrossenheit angebauet, daß

sie izt gröstentheils gutes Land haben. Wie sauer sie sichs

werden liessen, und was ihre ersten Beschäftigungen waren,

erhellet aus einem Berichte, den der Beamte zu Bracken-

heim gleich im folgenden Jahre 1700 an die Regierung

machten muste. Er ist folgender, und ich habe die Spra-

che unverändert gelassen, als in einem Aktenstücke.

 

Nun folgt der Originaltext des Beamten aus dem Brackenheimer Amt aus dem Jahr 1700:

Den 14ten Jul. 1700

„Die Waldenser sind mit Ausreut und Umhackung der

Wildniß, auch Aufbauung der Baracken beschäftiget, lassen sich früh und spät ganz eifrig und ohnverdrossen an der Arbeitfinden, säen bereits etwas Rübsamen aus, und sezen Kraut;das anhaltende trockene Wetter aber ist zu dem harten rauen

Boden ihnen dermalen nicht favorable, so, daß sie solchen

fast mit gedoppelter Mühe gewinnen müssen. Sie erwei-

sen sich gegen die Nachbarn fein verträglich, daß allerdings

keine Klage gehört wird, wie sie denn unter sich selbst auch

fein still und einig leben, und gute Ordnung halten. Sind

rauer wilder Speisen gewohnt, die meisten kochen und brü-

hen junge Nesseln, wild Wermuth, auch junge Schoß von

Haselstauden, salzens und geniessens als dann ohne weitern

Zusaz von Gewürz oder Schmalz zur Speise; zum Theil

samlen sie auch den Salat auf den Gassen, welchen die

Leute in Dörfern hinwerfen, und bereiten selbigen auf ihre

Art. Von Vieh haben sie noch nichts, ausser etlichen Pfer-

den und etlichen und 10 Stück Geisen.“

 

Jetzt wieder weiter mit Texten von Seybold in Ausschnitten:

 

 

 

Durch ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit brachten sie es, wenigstens an einigen Orten, dahin, das sie wohlhabender wurden, als die Ingeborenen, die schon lange besseres Land bauten, und selbst diesen nach und nach Stücke ihrer Gemarkung abkaufen konten.

Ihre Hauptnahrung ist also Ackerbau, doch machen auch etliche Strumpfweberarbeiten grobe Spitzen etc. Ihnen schreibt man die Einführung, oder zum wenigsten die mehrere Bekanntmachung des Kartoffelbaues im Wirtembergischen zu, und dieses ist desto gewisser, wenn die Nachricht gegründet ist, die ich in der Schrift eines deutschen Gelehrten gefunden habe; daß ein Waldenser, Antoine Seignoret, sie ums Jahr 1710 ins Wirtembergische gebracht habe….

Den 6ten Mai1702 waren 55 Familien daselbst, die aus 175 Personen bestunden. Izt (Anm.: gemeint ist hier 1780) sind 271 Seelen da, ungeachtet in den dreißig Jahren auf einmal 40 Personen aus Ursachen weggezogen sind, die ich nicht anzugeben weiß,...nach dem sogenannten Neuenland (Amerika), nach Ostindien und izt noch zuweilen nach Hungarn, auswanderten, nämlich verführt durch die Hofnung, da güldene Berge zu finden, und ohne Arbeit im Wohlstand zu sitzen.

 

Der Ort besteht, bis auf das Pfarrhaus und einige wenige Häuser, aus einstöckigen Gebäuden, ist gerade nach der Schnur in zwei lange Gassen so gebaut, daß die Wohnungen größtentheils ein wenig von einander entfernt sind, und ein Gärtchen daran ist. Dieser Umstand trägt natürlich zu ihrer geringern Sterblichkeit etwas bei.   

Seybold 

 

 

 

Etwas Besonderes bei diesem Artikel von Seybold ist die Tatsache, dass er mit dem zeitnahen Bericht aus dem Jahr 1700 des Brackenheimer Beamten uns einen unmittelbaren Eindruck über den Lebensalltag der ersten Nordhausener Siedler vermittelt. Diese Gründerzeit war geprägt von harter Arbeit, Armut und Entbehrung. Woher Seybold diesen Aktentext hat, wird nirgends erwähnt. Dass er aber über diesen Sachverhalt 1780, achtzig Jahre nach der Ankunft der Waldenser, in einer renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift eine Veröffentlichung über die Refugies (= Flüchtlinge) im Wirtembergischen macht zeigt, dass er diesem Sachverhalt größere Bedeutung zugemessen hat und ihn auch in einem größeren Zusammenhang darstellen wollte.

 

Seybolds Anmerkung über die Einführung der Kartoffel in Württemberg durch den Waldenser Antoine Seignoret ums Jahr 1710 ist interessant und verdient eine genauere Betrachtung, da Seybold diesen Text 1780 verfasste. Einige Jahre später stellt Professor Seybold 1801 in seinem „Vaterländischen Historienbüchlein“ in einem Artikel die Frage, wie es sein kann, dass Württemberg von 1766-1792 um 150 000 Seelen zugenommen habe. Seine Antwort: Es liegt an der Kartoffel und an einem Waldenser - Anton Seignoret.

Die Geschichte über Seignoret und der Einführung der Kartoffel wurde erst 1847, also viele Jahre später, durch den Schulmeister Jean Henry Perrot „weltkundig“ gemacht. Perrot, der 1798 in Nordhausen geboren ist und ab 1818 Schulmeister in Neuhengstett war, hatte einige Seiten aus dem Tagebuch von Henri Arnaud, der als Erster Kartoffeln in Württemberg angepflanzt haben soll, abgeschrieben und ins Deutsche übersetzt:                                                     

 

 

„Anton Seignoret, ein verfolgter und aus seinem Heimathlande vertriebener Kaufmann, früher ein Theologe, der den vielen Verfolgungen wegen aber den geistlichen Stand verlassen musste, ist derjenige, der den 22. April 1701, die allerersten Kartoffeln, nemlich 200 Stück von dreierlei Farben und Gattungen von den Thälern Piemonts aus nach Wirttemberg brachte, als sie eigentlich in ganz Deutschland und in den meisten Ländern Europas noch unbekannt waren. Seignoret brachte sie zuerst dem Heinrich Arnaud, Pfarrer der Waldenser zu Schönenberg O.A Maulbronn, der sie am folgenden Tag den 23. April in seinen Garten und im Herbst des nemlichen Jahres noch über 2000 Stück davon einerndete, von welchen er nur einige aß; 2000 St. aber versandte er an 20 Waldenser-Gemeinden Deutschlands, d.h. jeder Gemeinde 100 Stück, damit seine Landsleute, die Waldenser, sich diese "Frucht", die sie von ihren Thälern aus schon kannten, auch anpflanzen und fürderhin wieder genießen könnten, wie sie es von früheren Zeiten her noch gewohnt waren“.

 

Bis 1710 blieb die Kartoffel in Württemberg auf die Waldensergemeinden beschränkt. Erst als Seignoret 1710 weitere Kartoffeln aus Holland, Irland und England besorgt und an die Waldenserkolonien verteilt hatte, habe sich die ablehnende Haltung in den Nachbardörfern geändert. Anlass für die Veröffentlichung der Schrift von Perrot über den „Bringer und Einführer der Kartoffeln nach Deutschland“ war vermutlich die Kartoffelpest. Das war eine Pilzkrankheit, die bis 1851 in ganz Westeuropa herrschte, wobei die Kartoffeln bereits im Boden verfaulten. Schlimme Hungersnöte waren die Folgen, vor allem in Irland, aber auch in Deutschland und in den württembergischen Waldenserkolonien. Perrot sah die Kartoffel als „Gabe Gottes“ zur Ernährung der Menschen und nicht – wie an manchen Orten geschehen – zur Bereitung von Schnaps.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit seiner Veröffentlichung wollte er Seignoret auch eine gewisse Ehre erweisen, die dieser verdient hat.

In mehreren Gegenden in Deutschland ist Kartoffelanbau auch schon vor 1700 belegt. In Nordhausen eindeutig nachgewiesen ist der Anbau von Kartoffeln im Jahr 1736. Damals bat der Nordhausener Pfarrer Louis Gros (1729-1736) in Ermangelung eines ausreichenden Einkommens den württembergischen Herzog Karl Alexander um den kleinen Zehnten von wilden Birnen, Kartoffeln, Wickenfutter und Rüben, die seine Gemeindeglieder im Überfluß anpflanzten. Demnach war die Kartoffelpflanze, von den Waldensern patates genannt, hier schon längere Zeit bekannt. Seit wann genau, ist leider nicht nachweisbar. Die Gemeindeglieder waren übrigens nicht zu Abgaben an Gros bereit, da in den Lagerbüchern specife nichts aufgeschrieben sei. Pfarrer Gros verließ Nordhausen und amtierte von November 1736 bis 1749 in Großvillars. Der Streit mit Nordhausen wegen seiner Gehaltsnachforderungen dauerte allerdings noch bis zum Jahr1754.

                                                                                                                                  Ulrich Berger