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Neues aus Nordheim und Nordhausen

„Geschichte“ des Monats Dezember:

Erfasst von: Büchele, Birgit (03.12.2018)

Nordhausener Kirchenbaugeschichte

Zwischen dem 21. und dem 23. Juni 1700 kamen in Hausen 202 Waldenser an, die zunächst in drei Häusern einquartiert wurden. Bald wurde die Hälfte der Ankömmlinge in Nordheim und Dürrenzimmern vorübergehend untergebracht. Die württembergische Regierung hatte eine Kommission eingerichtet, die sogenannte „Waldenserdeputation“, welche die Unterbringung und die Zukunft der Waldenser planen und organisieren sollte. Die Interessen der Waldenser wurden dabei von dem erfahrenen niederländischen Diplomaten Pieter Valkenier vertreten. Er war seit 1690 niederländischer Botschafter in der Schweiz, im November 1698 ernannte ihn seine Regierung zum „Bevollmächtigten zur Ansiedlung der Waldenser und Réfugiés in Oberdeutschland“. Valkenier wurde ein wahrer „Vater der Waldenser“. Die Verhandlungen für die Privilegien der Waldenser in Stuttgart wurden am 1. Mai 1699 abgeschlossen, unterzeichnet wurden sie aber erst am 4. September. Dem versierten Diplomaten Valkenier war es gelungen, für seine Schützlinge gute Bedingungen auszuhandeln.

 

Nach ihrer Ankunft 1700 erhielten die Waldenser Flächen von der Nordheimer und der Hausener Markung, da viele Äcker und Weinberge durch die vorherigen Kriegsjahre verwüstet waren und öd lagen. Feldmesser Johannes Stahl von Hohenhaslach wurde beauftragt, die Plätze für die Waldenserkolonie zu vermessen. Die ersten Häuser der Waldenser waren einfache Hütten oder Baracken aus Holz, was aber aus der Notlage dieser mittellosen Neuankömmlinge erklärbar ist.

 

 

 

Der erste „Tempel“

Bald nach ihrer Ankunft baten die Waldenser, ihre Gottesdienste in den Kirchen von Nordheim oder Hausen abhalten zu dürfen, was ihnen verwehrt wurde. Sie sollten in einem Privathaus oder in der unbenützten Kirche auf dem Michaelsberg zusammenkommen. Diese Situation führte dazu, dass die Nordhausener Waldenser sich rasch einen eigenen Gottesdienstraum schufen. Der Begriff „Kirche“ war ihnen fremd, das Gotteshaus wurde bei den Waldensern „Tempel“ genannt. Bei dem 1705 erwähnten Tempel kann es sich allerdings nur um ein einfaches Holzhäuschen gehandelt haben. 1708 bat Pfarrer Guémar um ein Sammelpatent (Erlaubnis zum Aufruf für eine Sammlung), um seinen angefangenen Tempel vollenden zu können. 1711 bekam die Gemeinde aus der Schweizer Kollekte 100 Gulden für den Bau dieses Kirchengebäudes. Für diesen Tempel stiftete Valkenier eine Bibel mit folgender Widmung:

„Ich, der unterzeichnete, außerordentliche und bevollmächtigte Abgesandte Ihrer hohen Majestät für die Unterbringung der Waldenser in Deutschland, die jede Kirche mit einer heiligen Bibel austatten will, ordne an, daß diese für immer im Eigentum der Waldenserkirche in Brackenheim bleiben soll, und daß der Pfarrer angehalten ist, sie zu hüten und sich ihrer zu bedienen. Gegeben zu Frankfurt am 9. März 1701.Valkenier.“

 

Der zweite „Tempel“

Der erste Tempel wurde bald zu klein, und so wurde am 5. Juni 1720 der Grundstein für einen neuen Tempel gelegt. Als Inschrift wurde in denselben die Worte Jakobs eingemeißelt: „Hier ist Gottes Haus, die Pforte des Himmels“. Über diesen Text wurde auch bei der Einweihung am 25. Mai 1721 die Predigt gehalten. In einem Protokoll wird darüber so berichtet: „Dieser Bau ist errichtet worden durch die unermüdliche Arbeit aller Bürger und durch die große Umsicht des Schultheißen Pierre Clapier. …Der Herr Pfarrer hat die Gelder zusammengebracht um das Bauwesen beginnen zu können, und durch seine Bemühung und die Vermittlung seiner Freunde haben wir einige Liebesgaben von guten Freunden aus Holland und England erhalten…“.

Der zweite Tempel war 41 Schuh lang (knapp 12m) und 36 Schuh breit (ca. 10m) und bot Platz für etwa 160 Personen. Ein stolzer, fester Bau kann dieses Kirchlein trotzdem nicht gewesen sein, denn im Jahr 1770, nach knapp 50 Jahren, wurden schon wieder Spendenaufrufe geschrieben, weil zwei schiefstehende oder hängende Mauern der Kirche repariert werden mussten. 1782 wandte sich die Kirchengemeinde an den Herzog, weil ihre Kirche baufällig und zu klein für die inzwischen größer gewordene Gemeinde sei. Hundert Jahre nach Einweihung dieses zweiten Tempels musste man schließlich 1821 an seiner Stelle eine neue Kirche bauen, auch weil die Gemeinde auf etwa 300 Seelen angewachsen war.

In einer Akte vom 24. April 1821 zur Kostenberechnung des Neubaus der Kirche in Nordhausen wird die abgängige alte Kirche so beschrieben: Die alte Kirche ist bereits zu klein und ganz baufällig, solche ist 41‘ lang und 36‘ breit. Der steinerne Stok bis an das Dach ist 14‘ hoch, und ist nicht mit einem Hauptgebälk versehen, sondern bis an das Kehlgebälk mit Bögen und mit Bretter eingeschalt. In der Mitte auf demselben ruht das Thürmchen welches aigentlich dem Gebäude den größten Schaden verursacht. Es ist daher das ganze Gebäude bis auf den Grund abzubrechen...

Die Bemerkungen auf schräg stehende Wände sowie das Dachtürmchen als größten Schadensverursacher weist auf Probleme mit der Statik bei diesem Gebäude hin.

 

Der dritte „Tempel“ (Kirchenbau 1821)

Der erste Entwurf der neuen Kirche sah einen einfachen, nahezu quadratischen Saal mit einer Seitenlänge von 42 Schuh (=12m) vor, dem an der Südfront zur Straße hin ein Glockenturm mit dem Haupteingang vorangestellt war. Das Licht sollte in zwei Reihen von kleineren Fenstern ins Innere des Saales fallen, und am Glockenturm waren ebenfalls unter den Schallläden und der Uhr zwei Fenster vorgesehen. Die Turmhaube sollte eine geschwungene Pyramide sein. Einige dieser Details wurden dann aber nach gemeinsamer Beratung des Pfarrers und des Ortsvorstandes sowie der Erlaubnis des Bauinspektors geändert.

Der Kirchensaal ist aus Stein erbaut, wie auch der untere Teil des Turms. Der obere Teil des Turms und der Giebelbereich des halben Walmdaches des Kirchenraums sind als Fachwerk ausgeführt. Im Vergleich zu dem ersten Entwurf wurde die Turmspitze statt vier- nun achteckig und spitzer, so dass sie höher wurde. Gekrönt wurde der Turm von einer achteckigen Kugel, auf der sich ein Pfeil und ein Hahn aus vergoldetem Kupfer drehen.

Der Bau begann mit dem Abriss der alten Umfassungsmauern am 12. Mai 1821, wofür der Maurer 20 Gulden erhielt. Die Fundamente für die neue Kirche wurden von den Dorfbewohnern in Fronarbeit gegraben. Der Grundstein wurde am 8. Juni zusammen mit einer Urkunde gelegt:

„Die jetzige Kirche wird auf den nämlichen Grund gebaut, auf welchem auch die alte gestanden und wird nur gegen Morgen und Mitternacht etwas vergrößert. […] Die Seelenzahl betrug 311, davon waren 259 reformiert und 52 lutherisch. Ohne die Kirche besitzt der Ort 61 Gebäude…“

Am 18. November 1821 wurde die neue Kirche eingeweiht. Pfarrer Mulot vermerkte am 22. Januar 1822: „Dieser neue Kirchbau möge zum Bau und zur Erweiterung der eigentlichen Kirche beitragen, dass jene neue Kirche zum Segen für die kommenden Geschlechter stehe, dass in ihr das heilige Wort des Evangeliums stets lauter und kräftig erschalle und in allen, die es hören, Glauben, Hoffnung und Liebe entzünden, stärken und mehren möge.“

 

Alexis Muston und die letzte Predigt in französischer Sprache

Die älteste bekannte Abbildung dieser neuen, dritten Nordhausener Kirche ist eine Zeichnung aus dem Jahr 1832 von Alexis Muston. Dieser wurde 1810 in Torre-Pelice, Piemont, als Sohn eines waldensischen Pfarrers geboren. Er machte 1832 und 1833 zwei Reisen durch das Königreich Württemberg und nach Hessen, um dabei die Geschichte der Waldenser zu erforschen, und zu dokumentieren. Alexis Muston war ebenfalls Theologe und schuf mit seinem Reiseskizzenbuch ein wichtiges kulturhistorisches Zeugnis der südwestdeutschen Waldenser. 1851 veröffentlichte er das Buch „Das Israel der Alpen - erste vollständige Geschichte der Waldenser Piemonts und ihrer Colonieen“ in französischer, 1857 in deutscher Sprache.

 

Nach Nordhausen kam Muston zu Fuß von Großvillars her, das liegt zwischen Bretten und Sternenfels und ist auch eine Waldensergründung wie Nordhausen. In Nordhausen wurde er „von einem armen Greis aufgenommen, dessen Gesichtszüge sehr an die Köpfe der Bergbewohner in den italienischen Alpen erinnern, und der noch französisch wie auch italienisch spricht.“ Von einem Standort im Friedhof fertigt er in sein Skizzenbuch („Journal“) eine ganzseitige Bleistiftzeichnung der Kirche samt einigen angrenzenden Gebäuden an.

 

 

Zeichnung von Muston (1832) mit dem Untertitel l’église de nordhausen du coté du cimetière (Kirche von Nordhausen von der Seite des Friedhofes)

Links sieht man das frühere Anwesen Umbach, rechts neben der Kirche den Giebel des alten Pfarrhauses, das später zur Lehrerwohnung wurde.

 

Muston zeichnete und beschrieb die Kirche auch genau bis hinauf zum Wetterhahn auf der Kirchturmspitze. Den Waldensern in Nordhausen, die seit 1823 zur lutherischen Landeskirche in Württemberg gehörten, hielt er „eine letzte Predigt auf französisch.“ Er besuchte in Nordhausen die Familie des in Neuhengstett tätigen, aber hier geborenen Schulmeisters Jean Henry Perrot. Dessen Schwester Catherine schmeichelte Muston: „Wie glücklich wären wir doch, wenn Sie unser Pastor sein könnten! Aber weil es bei uns bald keine französischen Pastoren mehr gibt, nehmen Sie mich doch als Haushälterin, wenn Sie in unseren Tälern leben werden!“ (Anm.: Catharine Perrot heiratete 1834 den Zimmermann Gottfried Daab).

 

Eine gründliche Außen- und Innenrenovierung der Kirche wurde 1912 vorgenommen. Pfarrer Theurer zeigte sich in der Pfarrbeschreibung von 1922 sehr zufrieden: „Das Kirchengebäude […] ist hinreichend geräumig, sehr hell, gut hörsam u[nd] hat einen guten baulichen Stand. Die Kirche ist auch heizbar; sie wird jede Woche ausgekehrt. […] Sitzplätze sind es 250 – 270; die ledige Jugend u[nd] die Schüler haben ihre besonderen Sitzplätze.“

Die nächste Renovierung war 1962 nötig geworden. Außerdem bestand der Bedarf, eine Sakristei an die Kirche anzubauen sowie für Bestattungen eine kleine Leichenhalle und einen Geräteraum zu schaffen. Eine elektrische Läuteanlage erleichterte ab 1965 die Arbeit des Mesners, und 1994 wurde das Uhrwerk durch eine funkgesteuerte Hauptuhr der Firma Perrot aus Calw ersetzt.

An der Wand über der Kanzel hängt der Wahlspruch der Waldenser: „Lux lucet in tenebris – das Licht leuchtet in der Finsternis“. Er galt in der Vergangenheit und er gilt auch noch heute.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                                                                                                                                               Ulrich Berger